Wie neu ist die neue literarische Öffentlichkeit?

In seinem Essayt „Die neue literarische Öffentlichkeit“ beschreibt Gerhard Lauer in der Zeitschrift Merkur (März 2025) den Wandel der literarischen Öffentlichkeit durch die Digitalisierung und die veränderten Lesegewohnheiten junger Leserinnen und Leser.

Die Debatte ist nicht neu, wir Blogger erinnern uns an Schelte durch Sigrid Löffler (2020), die von „elektronischem Stammtischgeschnatter“ sprach, das „unter dem Deckmantel einer angeblichen Demokratisierung der Kritik die Literaturkritik in Wahrheit entprofessionalisier[e]“.

1. Wandel der literarischen Öffentlichkeit:
Traditionell wurde die literarische Öffentlichkeit als hierarchisch strukturierte Sphäre verstanden, in der Experten über literarische Qualität entscheiden. Diese Ordnung wird nun von einer neuen, digitalen Buchkultur herausgefordert, die auf Plattformen wie BookTok floriert. Junge Leserinnen und Autorinnen bestimmen Trends, während etablierte Verlage und Literaturkritiker diesen Wandel zunächst skeptisch betrachten.

2. Bookishness und Fan-Kultur:
Eine neue, von Social Media getragene Buchkultur entwickelt sich, die stark auf emotionale Leseerfahrungen, Fan-Fiction und ästhetisch inszenierte Bücherregale setzt. Hier stehen Unterhaltung, Gemeinschaft und Inklusion im Vordergrund, nicht akademische Literaturkritik oder klassische Kanonbildung.

3. Wirtschaftliche Bedeutung:
Diese „illegitime Kunst“, wie Lauer sie in Anlehnung an Bourdieu nennt, wird zunehmend auch für den Buchmarkt relevant. Große Verlagshäuser gründen eigene Imprints für populäre Genres, und Literaturkritiker wie Volker Weidermann rezensieren nun auch New-Adult-Romane. Die Buchbranche passt sich den neuen Marktbedingungen an.

4. Herausforderungen und Kritik:
Während einige Kritiker diesen Wandel als Abstieg des literarischen Geschmacks deuten (Stichwort „Midcult“), argumentiert Lauer, daß sich die literarische Öffentlichkeit nicht auflöst, sondern diversifiziert und komplexer wird. Die hierarchische Ordnung der Literatur verändert sich, bleibt aber weiterhin ein zentrales Thema im Diskurs.

5. Zukunftsperspektiven:
Die literarische Öffentlichkeit erlebt eine Demokratisierung, wobei digitale Plattformen neue Räume für Diskussionen und Wertungen schaffen. Dennoch bleibt offen, ob und wie sich eine neue Form der literarischen Hierarchisierung etablieren wird.

Lauer zeigt, daß die Buchkultur im digitalen Zeitalter keineswegs am Ende ist, sondern sich in eine neue, dynamische Richtung bewegt, die den klassischen Literaturbetrieb herausfordert, aber auch bereichert. Die literarische Öffentlichkeit befindet sich, so stellt Lauer nicht überraschend fest, in einem tiefgreifenden Wandel. Dabei streicht er die gewachsene Bedeutung digitaler Plattformen und einer jungen, engagierten Leserschaft für Buchbranche und Literaturkritik heraus. Während traditionelle Strukturen an Einfluß verlieren, wird eine auf neuen Wegen performativ inszenierte Literatur immer stärker zu einem identitätsstiftenden, inklusiven Erlebnis.

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Lesemonat Februar

Achtundzwanzig Tage und vier Bücher, hier nur vier kurze Hinweise und Einschätzungen:

Wolfgang Schäuble, Erinnerungen. Mein Leben in der Politik, 2024, Klett-Cotta, 650 Seiten.

Fazit: Schäuble saß über 50 Jahre im Bundestag, war mehrmals Minister, war Partei- und Fraktionsvorsitzender, auch Bundestagspräsident. Ein Attentat in den 90er Jahren hat ihn gezeichnet; trotz seiner Querschnittslähmung hat er weiter gearbeitet. Er verbindet Politisches mit Persönlichem und erzählt in diesem gut geschriebenen Erinnerungsbuch von Deutschland und Europa.

Benjamin Lahjusen, “Der Dienstbetrieb ist nicht gestört”. Die Deutschen und ihre Justiz 1943-1948, 2022, C.H. Beck, 384 Seiten.

Fazit: Die Darstellung einer Justiz, die unter Extrembelastung weiterarbeitet und die sich allzu bereitwillig in den Dienst des Regimes stellt, ist anschaulich und spricht für sich. Befremdlich fand ich den nach Investigativjournalismus klingenden Duktus, in dem hier über “die Juristen” oder gar “die Rechtsarbeiter” gesprochen wird. Lahusen ist schließlich selbst entsprechend sozialisiert. Daß der Autor es zudem für nötig hält, seine im Vergleich zu den Vorvätern untadelige Gesinnung und moralische Überlegenheit direkt und indirekt auszubreiten, habe ich als störend empfunden.

Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, 2023, Reclam, 104 Seiten.

Fazit: Stellenweise beschränkt sich das Buch darauf, den Gegensatz zwischen Vielfalt und Einfalt aufzumachen, wobei natürlich klar ist, wo sich der Autor politisch, kulturell und habituell verortet, oft ist es hingegen durchaus fundiert und abgewogen. Aber natürlich ist der Kapitalismus an allem schuld. Insgesamt eher enttäuschend.

Alan Bennett, Così fan tutte, 1996, dt. 2003 (aus dem Englischen von Brigitte Heinrich), Wagenbach, 112 Seiten. 

Fazit: Ein ungewöhnlicher Eheroman, in dem die Krisis nicht durch plötzlich entflammtes außereheliches Begehren ausgelöst wird, sondern durch einen absonderlich anmutenden Diebstahl. Unsicherheit und anschließende Schritte aus dem Schneckenhaus führen zu Neuorientierungen, die auch nicht mehr durch die unerwartete Rückkehr in alte Bahnen eingefangen werden können. Reread; ein Buch, das mir auch beim zweiten Mal gut gefallen hat.

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Ein Sommer allein

Franziska Greising, Ein Sommer allein, 2024, Bücherlese, 158 Seiten.

Greising ist eine Luzerner Autorin, die seit den 1980er Jahren Texte  in unterschiedlichen Gattungen publiziert. Ein Sommer allein ist ihr neuester Roman. Erzählt wird die Geschichte von Mona, die nach ihrer Scheidung eine Beziehung zu dem Maler Jonathan eingeht. Als er sich abfällig über ihr neuestes Buch äußert, geht sie wortwörtlich auf Distanz und zieht in eine abgelegene Berghütte.

Dort versucht sie, sich selbst zu finden und sich über ihr Verhältnis zu Jonathan im Klaren zu werden. Spaziergänge mit einem zugelaufenen Hund, Selbstgespräche und Schreiben helfen ihr dabei. Doch sie verzehrt sich nach ihm, ruft ihn an, fleht ihn an, zu ihr zu kommen. Obwohl er ein Verhältnis mit einer deutlich jüngeren Frau hat, das bereits vor ihrer Beziehungspause begann, gibt es eine Explosion der Leidenschaft zwischen Mona und Jonathan, doch beider Sturheit führt zur erneuten Trennung.

Kann eine Beziehung nur funktionieren, wenn sich eine Seite unterwirft? Wie eigenständig kann eine Frau bleiben, die von einem Mann begehrt werden will? Das Buch gibt darauf keine eindeutige Antwort. Ist es ihr jeweiliges Unvermögen – ihres zur Selbstaufgabe, seines zum Kompromiß – oder die beiderseitige Sprachlosigkeit im entscheidenden Moment, die verhindert, daß Mona und Jonathan beieinander bleiben? Oder kommen sie am Ende doch wieder zusammen?

Die Autorin arbeitet mit Tempo- und Perspektivwechseln; hinzu kommen vage bleibende Zeitsprünge. Damit wird dem Text Lebendigkeit verliehen, aber ich hatte auch den Eindruck der Unschärfe. Es gelingt der Autorin zweifelsohne, die Atmosphäre sehr gut einzufangen. Sowohl die hitzige Spannung zwischen Mona und Jonathan als auch die Schroffheit der Alpen werden gut zum Ausdruck gebracht. 

Sie brannte darauf, sich mit ihrer gipfelhohen Abgeschiedenheit anzufreunden, nicht im Geringsten fühltebsie sich verlassen, wie sie befürchtet hatte. Die Gleichgültigkeit der einsamen und unzugänglichen Höhen, die rings um sie aufragten, verbreitete etwas wie Beständigkeit, und sie fühlte sich trotz ihrer Fremdheit in dieser Nacht geborgen. (S. 23)

Greising schenkt Monas Stimme viel Gehör, nimmt ihre Position ein. Jonathan als Mann ist ein anderes, fremdes Wesen, kaum zu begreifen. Lust und Begehren können keine Brücke zum Wesen des Mannes herstellen, ebensowenig rationaler Austausch über die beiderseitigen Interessen. 

Interessant ist auch, wie Mona zu Beginn des Buches und an dessen Ende mit einer Trennung umgeht. Die Scheidung, die sie zu Beginn hinter sich hat, ist ein Einschnitt, an den sich aber ein neues Leben anschließt: „Auch als geschiedene Frau gehörst du noch dazu.“ (S. 9) Mona wird auf ein Sommerfest eingeladen; dort begegnet sie Jonathan das erste Mal. „Jahre später“ (S. 10), als sie schon mit Jonathan auf ungeregelter Basis zusammenlebt, läuft ihr ein Hund zu: „Seither blieb der Hund bei ihr.“ (S. 12)

Bei der erstmaligen Lektüre deutet es sich an, im weiteren Verlauf des Buches wird es deutlich, und beim Verfassen dieser Zeilen erkenne ich es, daß hier der tragische Knoten geschürzt wird: Ein Dreieck aus Leidenschaft, Liebe und Treue wird angelegt, in dem sich ein Gefühlsstrudel bildet, der die Geschichte schließlich ausmacht.

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Dunkle Bergwelt

Paolo Cognetti, Unten im Tal, 2023, dt. 2024 (aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt), Penguin, 143 Seiten.

Der kurze Roman wird aus mehreren Perspektiven erzählt und enthält kurze Rückblenden. Die Geschichte führt in das „echte Leben“ in einem abgelegenen italienischen Gebirgstal, wo es entbehrungsreich und freudlos zugeht. Das frühere, wilde, unkontrollierte Leben ist vorbei, lebt nur in der Erinnerung fort, doch die wird von Alkohol und zunehmendem Alter vernebelt. Die neue Zeit kommt aber nur zögernd und unvollständig ins Tal, was früher abenteuerlich und widerständig gewesen sein mochte, ist heute abgehängt und ohne Perspektive.

Wobei „heute“, also die Erzählzeit, 1994 ist. Luigi ist seit fünfzehn Jahren mit Elisabetta zusammen, die einst als Urlauberin aus Mailand ins Tal kam. Nach dem Tod seines Vaters ist zwecks Erbauseinandersetzung der jüngere Bruder Alfredo, der mittlerweile in Kanada lebt, zurückgekommen. 

Nach und nach erfahren wir, was jetzt passiert und was damals geschehen ist, verfolgen den Zyklus des Lebens und dessen Höhen und Tiefen. Gedrängt und doch ohne Hektik erzählt Cognetti seine Geschichte, in prägnanter Sprache, die zwischen hart und poetisch wechselt, eine eigene Stimmung schafft und mich von Anfang an gefesselt hat.

Brutal werden wir in die Geschichte hineingezogen, als ein Hund einen anderen totbeißt. Es werden weitere Hunde totgebissen, Menschen werden aufmerksam, Geschichten über Wölfe werden erzählt, Jagden organisiert. Hart und direkt sind die Schilderungen, zum Teil aus der Perspektive einer Hündin. Das packende, ungewöhnliche EInstiegskapitel ist das einzige, das auserzählt und abgeschlossen wird.

Die anderen Erzählstränge lassen Fragen offen und den weiteren Fortgang der Geschichte ungeklärt. So werden die Gegensätze zum unabänderlichen Prinzip, zur Natur der Dinge: Mann-Frau, Stadt-Land, Italien-Kanada, Alfredo-Luigi.

Alkohol ist für die Männer selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, ebenso wie Gewalt und sexuelles Begehren, das nicht immer erfüllt wird. Angst vor Angepaßtheit und Hilflosigkeit im Alter, der Versuch, eine archaische Männlichkeit zu bewahren, sind die Triebfedern für viele ihrer Handlungen.

Cognettis Prosa in der Übertragung von Christiane Burkhardt ist oft herb, kann aber auch ins Poetische wechseln. Personen werden prägnant charakterisiert, aus der Innen- und verschiedenen Außenperspektiven beleuchtet, so daß sie ungeachtet der Kürze des Buches Konturen gewinnen. Es findet keine Charakterentwicklung statt (abgesehen davon, daß Luigi in den frühen Tagen seiner Beziehung mit Elisabetta gelernt hat, sie zärtlich anzufassen), sondern die Personen treffen aufeinander, ungestüm, und es bleibt immer ein Rest Fremdheit.

Im Nachwort nimmt der Autor Bezug auf das Werk von Bruce Springsteen, mit dem er als Kind in Berührung gekommen ist und das sein Leben geprägt hat. Inwieweit das auf das Buch abgefärbt, Inhalt und Stil des Romans geprägt hat, vermag ich nicht zu sagen.

Klare Leseempfehlung!

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