Afrotopia

Felwine Sarr, Afrotopia, 2016, dt. 2019 (aus dem Französischen von Max Henninger), 156 Seiten plus 18 Seiten Anmerkungen

Felwine Sarr, Afrotopia | Foto: nw2020

Hintergrund

Der Autor, Professor für Wirtschaftswissenschaften im Senegal, war am Bericht über die Rückgabe französischer Raubkunst nach Afrika beteiligt, der im November 2018 Präsident Macron vorgelegt wurde. Gemeinsam mit Achille Mbembe gründete er eine afrikanische Denkfabrik, die „Ateliers de la Pensée“. Neben diesem Buch hat er Essays und literarische Werke und ­– zu Beginn des Jahrhunderts – außerdem mehrere Alben veröffentlicht.

Das vorliegende Buch wurde bereits im Erscheinungsjahr 2016 mit dem Grands prix des associations littéraires in der Kategorie Forschung ausgezeichnet wurde. Es beruht auf der Anwendung postkolonialer Theorie und ruft gleichzeitig zu einer Wiederentdeckung der afrikanischen Vergangenheit auf, um einen neuen Zukunftsbegriff entwickeln zu können.

Mein Eindruck

Ich habe das Buch aus Interesse gekauft und mit Neugier gelesen – ehrlich gesagt auch, um die Mentalität afrikanischer Studierender besser verstehen zu können und sinnvoller mit ihnen diskutieren zu können. Leider wurde ich in doppelter Hinsicht enttäuscht.

Ich halte das Buch erstens sprachlich zumindest für eigenwillig, in Teilen mißlungen. Inwieweit das an der Übersetzung liegt, kann ich nicht beurteilen. Möglicherweise ist dies aber auch das an einer Stelle des Buches angesprochene neugeschaffene, zukunftsweisende Französisch, das nicht dank des kleinen Landes in Europa überleben wird, sondern nur aufgrund der kräftigen und lebensfrohen Frankophonie im globalen Süden.

Wozu also angesichts dieser Umstände Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft des afrikanischen Kontinents anstellen? Weil sich Gesellschaften zunächst imaginär konstituieren. Das Imaginäre ist das Schmiedeeisen, auf dem die Formen entstehen, die Gesellschaften sich verleihen, um das Leben zu speisen und ihm Tiefe zu verleihen, um das gesellschaftliche und menschliche Abenteuer auf eine neue Stufe zu heben. (S. 12)

Zunächst einmal ist Schmiedeeisen geschmiedetes Eisen, also das Ergebnis des Schmiedeprozesses, bei dem mit Hammer und Amboß gearbeitet wird.

Inhaltlich ist das Beschriebene etwas, das wir an der deutschen Diskussion über die Nation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor der Nationalstaatsbildung auf das heftigste kritisieren.

Außerdem wird immer betont, auch von Sarr, daß Afrika nicht ein Land, sondern ein Kontinent sei (etwa S. 27). Wie kann dann Afrika gedacht werden und sich als Gesellschaft – und sei es auch nur imaginär – konstituieren?

Weiter schreibt Sarr, daß „in jüngster Zeit eine Rhetorik der Euphorie und des Optimismus erblüht“ sei (S. 10), und er fährt fort:

Afrika denken bedeutet, eine zaghafte Morgenröte zu durchwandern, entlang eines markierten Weges, auf dem der Gehende aufgerufen ist, das Schritttempo zu erhöhen, um den Zug einer Welt zu erreichen, die (sic!) bereits vor einigen Jahrhunderten abgefahren zu sein scheint. (S. 13)

Im globalen Kontext, der sich durch das Misslingen des Zivilationsprojekts auszeichnet, besteht die afrikanische Utopie darin, einem anderen Zusammenleben den Weg zu bahnen sowie die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ebenen des Kulturellen, des Sozialen, des Wirtschaftlichen und des Politischen neu zu bestimmen und eine ebenso neu, auf den Kulturen und fruchtbaren Onto-Mythologien Afrikas beruhende Werteskala zu etablieren. Es gilt, Gesellschaften aufzubauen, die für die Menschen, die in ihnen leben, einen Sinn ergeben. Gegen den Strom, in See stechend. (S. 28)

Wissenschaftsprosa – das Buch wurde in der Kategorie Forschung ausgezeichnet – sollte nach meiner Meinung anders klingen.

Inhaltlich entdecke ich in dem Buch eine grundlegende Widersprüchlichkeit. Sarr lehnt ab, was er sich im nächsten Augenblick zu Nutzen macht, er verwirft Kategorisierungen, um sogleich selbst großzügig Kategorien zu etablieren. Und so mäandert dieser Text vor sich hin, mal raunend, mal beschwörend, mich immer wieder an den Duktus deutscher Autoren erinnernd, denen es in bestimmten Phasen unserer Geschichte darum gehen mußte, neue Ordnungen zu legitimieren und mit Sinnstiftung zu versehen.

Mythologie, Tradition, Ablehnung der Moderne als westliches Projekt – wenn nicht schon gescheitert, so doch alsbald zum Scheitern verurteilt – wird denn da niemand hellhörig? Von der Wertschätzung der eigenen Kultur bis zur Überhöhung ist es nur ein kleiner Schritt.

Dieses Afrika, das ist und das wird, ist vielgestaltig. Seine Vernunft hat viele Gesichter. Es hat seine Welten nicht entzaubert, das spirituelle Leben ist noch lebendig und reich. Seine Religion, seine Musiken, seine Künste, seine Städte, seine Beziehungen zu sich selbst, zum eigenen Körper, seine Gegenwart in der Zeit bezeugen diese alltägliche Selbsterfindung. Afrika verwirklicht seine Synthesen des Religiösen, des Politischen und des Kulturellen. (S. 42)

Mutatis mutandis konnte man solche Sätze auch im August 1914 lesen.

Immer wieder beruft sich Sarr auf die Tradition, verwirft die Vernunft, beschwört fruchtbare Potenziale – mir ist beim Lesen permanent unwohl.

Der politische Forderungskatalog – etwa neue Weltwirtschaftsordnung, Aufgabe eines fremdbestimmten Entwicklungsbegriffs – ist nun nicht grundstürzend neu. Soweit Sarr überhaupt Ansätze für Lösungen entwickelt, bleibt er vage und setzt eher auf markige Apelle.

Insgesamt hat mich die Lektüre enttäuscht und weitaus mehr Fragen als Antworten hinterlassen.

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