Es war einmal in Amerika

Philip Roth, Mein Mann der Kommunist, 1998, dt. 1999 (deutsch von Werner Schmitz), 398 Seiten.

Durchatmen, den Blick zum Sternenhimmel heben – das sind meine ersten Reaktionen, nachdem ich das Buch zuklappe. Was für eine wuchtige Erzählung, welch sprudelnder Quell, wieviel Geschehen und Gefühle!

Philip Roth, Mein Mann, der Kommunist | Foto: nw2020

Mein erstes Buch von Philip Roth (1933-2018), dem großen amerikanischen Schriftsteller und Chronisten seiner Zeit, der ab Mitte der 1950er Jahre bis 2010 veröffentlichte, hat mich gepackt. Es ist Teil von Roths Spätwerk und gehört zu sogenannten »American Trilogy«. Nathan Zuckerman – Roths Alter ego – trifft zufällig seinen ehemaligen Englischlehrer Murray Ringold, sie kommen ins Gespräch und reden über die Vergangenheit. Im Zentrum ihrer beider Erinnerung steht Murrays jüngerer Bruder Ira.

Nathans große Gabe ist das Zuhören, und so hört er als Kind natürlich seinem Lehrer zu, und dann dessen Bruder, den er bei einem Besuch kennenlernt. Auch fünfzig Jahre später lauscht er den Erzählungen des alten Murray, der Entwicklungen schildert und Geschehnisse enthüllt, die dem Jungen seinerzeit entweder unbekannt waren oder nichts sagten. Nathan bringt das mit seinen Erinnerungen zusammen, sodaß ein farbenprächtiges, handlungsreiches und hochemotionales Bild entsteht, in dessen Zentrum Ira Ringold steht.

Sein Leben als junger Mann, als Soldat im Zweiten Weltkrieg, als Kriegsheimkehrer. Seine ungebremste körperliche Kraft, seine Erziehung durch den Kameraden und Kommunisten O’Day, seine Ehe mit der Schauspielerin Eve Frame, deren Vorleben und Tochter. Ira als Darsteller von Abraham Lincoln, mit dem er eine gewisse Ähnlichkeit aufweist, Ira als Star eine Radioshow, Ira als Verfemter der MacCarthy-Ära.

Die dichte Schilderung, die eindringlichen Charakterzeichnungen, die packende Geschichte – das hat mich wirklich gefesselt!

Ob es um politische Unterrichtung, um Schilderungen der High Society oder um Seelenzustände und fiebrige Gefühlsschübe geht; erstaunlich, wie treffend und wie – ja! – lebendig Roth dies alles in Worte faßt.

Wie herrlich, über Leute herzuziehen – und zu beobachten, wie über sie hergezogen wurde. Zumal für einen Jungen, der auf dieser Party nichts anderes als verehren wollte. Sosehr es mich beunruhigte, zu spät nach Hause zu kommen, konnte ich mir diese erstklassige Einführung in die Wonnen der Boshaftigkeit unmöglich entgehen lassen. Jemanden wie Sylphid hatte ich noch nie erlebt: so jung, und doch schon so gehässig, so weltklug, und doch schon, gehüllt in ein langes grellbuntes Gewand wie eine Wahrsagerin, so unverkennbar schrullig. (S. 165f.)

Amerika war ein Paradies für zornige Juden. Die zaghaften Juden gab es natürlich immer noch, aber man musste keiner sein, wenn man nicht wollte. (S. 204)

Grandios auch die Verflechtung zweier Coming-of-Age-Geschichten. Nathan lernt von Ira, so wie dieser einst von O’Day gelernt hatte. Und schließlich geht Nathan selbst zu O’Day und ist sofort fasziniert von der Flamme, die in diesem asketischen Mann nach wie vor lodert, sodaß er mit ihm Flugblätter vor Fabriktoren verteilt.

O ja, man spürt den Sog eines Mannes wie O’Day. Johnny O’Day nimmt einen nicht mit, um einen auf halber Strecke stehen zu lassen. Er nimmt einen bis zum Ende mit. Die Revolution vernichtet dies und ersetzt es durch das – die unironische Klarheit des politischen Casanova. (S. 290)

Neben der politischen Anklage gegen den ausbeuterischen Kapitalismus und die ihn politisch protegierenden Republikaner behandelt der Roman die Frage, ob und wie man persönliches Glück finden kann, und was man dafür opfern muß.

Ich bin beeindruckt, aufgewühlt und dankbar für diese Leseerfahrung.

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