Reinfall: Auf den Palisaden

Andreas Platthaus, Auf den Palisaden. Amerikanisches Tagebuch, 2020, 407 Seiten.

Andreas Platthaus, Auf den Palisaden | Foto nw2020

Andreas Platthaus, Auf den Palisaden | Foto nw2020

Manches [der täglich niedergeschriebenen Betrachtungen] mag dabei vorschnell fixiert worden sein.
[…]
Aber warum sollte ausgerechnet [dieses] Vorurteil […] Bestand haben, wo doch in hundert Tagen so ziemlich alle anderen Vorurteile, die ich mit Blick auf Los Angeles hatte, revidiert wurden? (S. 325)

Ein rarer und folgenloser Moment der Selbstkritik. Andreas Platthaus, Leiter des Literaturressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor einiger Bücher, war im Jahre 2019 für vier Monate Resident Fellow im Thomas Mann House, dem letzten amerikanischen Wohnsitz des Schriftstellers, um für ein Buch über den Maler Lyonel Feininger zu recherchieren.

Frappierendstes Beispiel für die obige Selbsteinschätzung Platthaus’ ist die Passage über das Hollyhock House, ein Werk des Architekten Frank Lloyd Wright, gleich zu Beginn des Buches auf S. 27ff. Ein Blick ins Internet genügt, um zu erkennen, daß die drastische und vorwurfsvolle Schilderung des Verfallszustandes und der Unzugänglichkeit nicht zutrifft. Gegen Ende seines Aufenthaltes besucht er das mittlerweile auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO gelangte Hollyhock House ein zweites Mal und zeigt sich begeistert.
Eine Fußnote hätte Wunder gewirkt; schließlich ist das Tagebuch von vornherein zur Veröffentlichung bestimmt. Aber hier, wie an zu vielen anderen Stellen gilt:

Es zeigt, wie nachlässig einen gerade die moralisch gesicherte Position bei der Wortwahl macht (S. 297)

Das Buch trieft vor Selbstgerechtigkeit eines linksliberalen Intellektuellen, der sich den meisten Amerikanern kulturell und politisch turmhoch überlegen fühlt und nur mit einer Minderheit von Ost- und Westküstenbewohnern Gespräche – bezeichnenderweise über das Essen – führen kann. In weiten Teilen ist das Buch unerträglich, und man fragt sich wirklich, warum sich Platthaus den Tort eines mehrmonatigen Aufenthalts auf Staatskosten antut.

Durchgängig wird eine distanziert-amüsierte Überlegenheit zur Schau gestellt (S. 31, 68f. und öfter), Uber und Lyft werden wiederholt kritisiert (S. 97, 183, 286), es wird vom „aufgeklärten Teil der hiesigen Gesellschaft“ gesprochen (S. 103). Daß Platthaus als Deutscher in den USA unerwartet etwas neues über das Bauhaus lernt, versetzt ihm einen Schreck (S. 227).

„OK, Boomer!“, möchte man dem 1966 geborenen Autor zurufen, der generationsbedingt und als Westdeutscher komplett durch us-amerikanische Popkultur sozialisiert wurde – darauf auch durchgängig mit kennerhaften und/oder aus dem Lexikon übernommenen Anmerkungen hinweist – und schließlich schon mehrfach in den Vereinigten Staaten gewesen ist.
Trotzdem gefällt er sich in jener distanzierten Pose, über die Hans Rudolf Vaget in seiner profunden Studie »Thomas Mann, der Amerikaner« (2011) schreibt:

Bevor wir uns diesen Fragen zuwenden, ist zunächst das Problem der Akkulturation ins Auge zu fassen. Denn wie ein Exilant in seiner neuen Umgebung wahrgenommen wird, ist letztlich weniger eine Funktion seines Ruhm oder seines Selbstwertgefühls als seiner Bereitschaft und Fähigkeit zur Anpassung an die Kultur seines Gastlandes. […] Aus amerikanischer Perspektive liegt es somit nahe, zu vergleichen und die Frage zu stellen, inwieweit die aus Europa Geflohenen sich ihrem Gastland gegenüber aufgeschlossen gezeigt und inwieweit sie die amerikanische Kultur befruchtet und bereichert haben. Diese Frage hat der Musikkritiker und Kulturhistoriker Joseph Horowitz in seinem Buch ‚Artists in Exile‘ eingehend erörtert. […] Er untersucht eine Fülle von prominenten und weniger prominenten Fällen und kommt zu dem überraschenden Befund, dass sich zwei deutlich voneinander abweichende Verhaltensmuster unterscheiden lassen: ein grosso modo russisches und ein deutsches. Die aus Russland stammenden Künstler […] legten eine vorbehaltlose Bereitschaft an den Tag, sich auf das Gastland einzustellen, Anregungen aus der amerikanischen Kultur aufzunehmen […] Sie waren akkulturationsbegierig. Die aus Deutschland und Österreich stammenden Immigranten hingegen […] betraten das Land mit dem unerschütterlichen Bewusstsein der kulturellen Überlegenheit Deutschlands, zeigten kaum ein Interesse an der amerikanischen Kultur und verstanden ihr Wirken in dem Gastland im Grunde als eine Art von geistigem Kolonisationsprojekt. Sie waren akkulturationsfeindlich eingestellt. (S. 318ff.)

Trotz gänzlich anderer Ausgangsbedingungen ist Platthaus damit dem Schriftsteller, von dem er sich im Buch mehrfach distanziert, näher als er glaubt.

Was bietet der Beobachter Platthaus, der ja schließlich, so der Klappentext, auf der Suche „nach dem Code der Neuen Welt“ ist, also den Lesern?

Er inszeniert sich als gestrenger Kunstkenner mit hohen Ansprüchen, die in Museen oder Konzertsälen in und um Los Angeles nicht immer erfüllt werden. Manches Namedropping wirkt wie von den Webseiten der besuchten Einrichtungen übernommen.

Er bläst eine Sinnestäuschung zu einer Geschichte auf (S. 106), erzählt über eine halbe Seite, daß die tolle Idee, einen Ort zu besuchen, nicht von ihm stammt (S. 252), ist baß erstaunt darüber (S. 209), was in Broschüren steht, die eine Volksabstimmung begleiten (Spoiler: nichts anderes als hierzulande auch), und langweilt mit einer belanglosen Geschichte darüber, wie morgens der Müllwagen durch sein Viertel fährt (S. 247). Trauriger Höhepunkt ist die Nacherzählung der TV-Übertragung eine Debatte unter demokratischen Präsidentschaftskandidaten, die jeder Interessierte in Deutschland verfolgen konnte. It’s 2019, Platthaus!

Das Buch ist ein Ärgernis.
Daran ändern auch vereinzelte Perlen nichts mehr, über die man sich als Leser kaum noch freuen kann, wenn man einmal eine erblickt hat. Auf S. 324 schreibt er endlich etwas Sinnvolles über Los Angeles, wie auch hin und wieder Beschreibungen von Gebäuden oder Erinnerungen an ansonsten vergessene Personen auf der Habenseite zu verbuchen sind.

Nach seinem Buch über die Völkerschlacht bei Leipzig hat mich Andreas Platthaus ein zweites Mal enttäuscht. Eine weitere Gelegenheit werde ich ihm nicht einräumen.

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2 Antworten zu Reinfall: Auf den Palisaden

  1. Andreas Moser schreibt:

    Danke für die Warnung!

  2. Laura_Maria schreibt:

    Ich hätte Ihre Kritik eher lesen sollen, dann hätte ich mir den Kauf des Buches gespart. Aber gut, so ist es nun mal. An die Stelle von Vaget, die Sie zitieren, musste ich auch denken, gleichwohl es auch zahlreiche Deutsche gab, die durchaus „akkulturationsbegierig“ waren. Aber die standen meist nicht in der 1. Reihe. Thomas Blubacher hat vor einigen Jahren einige in seinem Buch „Pardies in schwerer Zeit“ vorgestellt. Und letztes Jahr haben Francis Nenik und Sebastian Stumpf im Rahmen ihrer detailreichen Rekonstruktion der Geschichte des Thomas Mann Hauses noch einige weitere Namen genannt. Andreas Platthaus hätte sich mit diesen Geschichten und Biografien bekannt machen sollen, das hätte seinen Blick vielleicht geschärft und weg von den Höhen gewendet.

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