Goethe am Sonnabend Nr. 18

Der Sommer neigt sich – jedenfalls in Berlin – langsam seinem Ende zu. Was liegt da näher, als den Blick nach Süden zu richten? Und fünf Tage vor Goethes Geburtstag soll der ausgewählte Text den Süden feiern und gleichermaßen die Sprachmächtigkeit  des Dichters.

Kennst du das Land? wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht.
Kennst du es wohl?
                        Dahin! Dahin!
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
                        Dahin! Dahin!
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
                          Dahin! Dahin!
Geht unser Weg! o Vater, laß uns ziehn!

Wilhem Meisters Lehrjahre. Ein Roman, herausgegeben von Goethe.
Drittes Buch, Erstes Kapitel. Erstdruck 1795/96
Münchner Ausgabe 1988, Bd. 5, S. 142.

Goethe am Sonnabend

Goethe am Sonnabend Nr. 17

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Eine Antwort zu Goethe am Sonnabend Nr. 18

  1. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ich glaube, die Eingangsworte gehören zu jenen beliebten Geflügelten, von denen wenige wissen, woher sie stammen : )

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