Musik sammeln?

In meinem Twitterprofil steht, daß ich Operngesamtaufnahmen sammele. Da ich gelegentlich schon gefragt wurde, was darunter zu verstehen sei, folgt hier eine kurze Erklärung:

Ende des 19. Jahrhunderts wurde bekanntlich die Tonaufzeichnung auf Walzen (Edison) erfunden, durch die Entwicklung der für den Massenverkauf geeigneten Schallplatte (Berliner) weiterentwickelt. Letztere wurde durch eine Reihe von Aufnahmen des italienischen Tenors Enrico Caruso, die ab 1903 im Handel waren, zu einem gefragten Medium, das Musik reproduzierbar machte und den Künstlern den „Dialog mit der Ewigkeit“ eröffnete.

Im Zauberberg hat Thomas Mann liebevoll beschrieben, wie zu dieser Zeit Musik gehört und der „Fülle des Wohllauts“ gehuldigt wurde. Da bei den Aufnahmen der „akustischen Ära“ der Schall der Stimme unmittelbar aufgezeichnet wird, kommt es freilich für unsere heutigen Ohren zu einer doch recht deutlichen Klangminderung. Der Wohllaut muß nicht selten aktiv herausgehört werden.

In den 1930er Jahren begann man vermehrt, komplette Opern aufzuzeichnen, zum Teil als echte „Studioproduktionen“, zum Teil als Mitschnitte von Rundfunkübertragungen, die in den Funkhäusern produziert wurden. Der Mitschnitt in Opernhäusern war schwierig und technisch zunächst unbefriedigend. Die kurze Laufzeit der Schellackplatten führte überdies zu ziemlich dicken Plattenpaketen.

Die Erfindung der Langspielplatte (LP), die elektromagnetische Aufzeichnungstechnik und Weiterentwicklungen bei den Mikrofonen ermöglichten im Laufe der Zeit deutlich verbesserte Qualitäten und erleichterte die Praktikabilität der Herstellung. Dementsprechend kam es nach 1945 zu einem Boom der Einspielungen von Opern.

Die großen Plattengesellschaften jener Zeit – EMI/HMV, DECCA, RCA, Deutsche Grammophon und Cetra – verpflichteten Orchester, Chöre, Dirigenten und Sänger, wenn möglich „exklusiv“ und produzierten zwischen 1950 und ca. 1990 Aufnahme um Aufnahme. Sängerinnen wie Maria Callas, Renata Tebaldi oder Joan Sutherland, Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau, Luciano Pavarotti oder Placido Domingo und Dirigenten wie Herbert von Karajan, Georg Solti oder James Levine nahmen ihr Repertoire auf, oft mehrfach.

Gleichzeitig wurden Live-Aufführungen in den verschiedenen Opernhäusern mitgeschnitten, zuerst für eine aktuelle Rundfunkübertragung und später dann häufig auf Platte gepreßt. So hat etwa Maria Callas zweimal im Studio die Tosca aufgenommen (1953 und 1964), außerdem gibt es Mitschnitte von sechs kompletten Aufführungen zwischen 1950 und 1965. Allein von dieser Sängerin existieren also acht Einspielungen der Oper Tosca.

Ihre zeitgenössische Konkurrentin Renata Tebaldi hat ebenfalls 2 Studioaufnahmen vorgelegt, und es existieren Mitschnitte von sieben Live-Aufführungen.

Studioaufnahmen und Mitschnitte der Tosca gibt es auch von Zinka Milanov, Renata Scotto, Leontine Price, Montserrat Caballé, Katia Ricciarelli – um nur einige Sängerinnen der LP- und CD-Ära zu nennen.

Vergleichbare Bilanzen lassen sich für jede Oper von Puccini, Verdi, Bellini, Donizetti, Rossini, Mozart oder Wagner erstellen. Und man kann seine Sammeltätigkeit dann nach ganz unterschiedlichen Kriterien ausrichten: alles von einer Sängerin/einem Sänger, alles von einem Dirigenten, einem Orchester, nur live/nur Studio, jede Ersteinspielung eines Werks/Sängers in der Rolle, etc.

Domingo-Sammler können seit über vierzig Jahren Rollendebüts ihres Idols zusamentragen, da der als Tenor gestartete Sänger sich derzeit immer wieder Baritonpartien erschließt. Legendär ist sein Rollendebüt als Troubadour in Verdis gleichnamiger Oper am Opernhaus von New Orleans, aufgenommen am 14. März 1968, wo er an der Seite der schon erwähnten Montserrat Caballé singt.

In meinem Schrank steht diese Einspielung auf Musikkassette. Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich eine Kassette eingelegt – ja, meine Stereoanlage verfügt über das notwendige Abspielgerät – und nun erklingt in akzeptabler Tonqualität das Duett Manrico-Azucena aus der ersten Szene des zweiten Akts: „Perigliarti ancor languente“. Wie kommt man da ran? Eine Freundin von mir hat viele Jahre alles von Domingo gesammelt und mir dann eine Kopie von dieser Aufnahme angefertigt.

Und so habe ich dann neben einigen Studioeinspielungen dieser Oper – Cellini/Milanov/Bjoerling (1952), Karajan/Callas/di Stefano (1956),  Schippers/Tucci/Corelli (1964), Mehta/Price/Domingo (1970), Bonynge/Sutherland/Pavarotti (1976) – und zwei Mitschnitten – Picco/Callas/Baum (Mexiko-Stadt 1950), Serafin/Callas/Lauri-Volpi (Neapel, 1951) – auch diesen Domingo-Mitschnitt von 1968 im Regal.

Meine Sammelschwerpunkte sind einerseits Maria Callas, andererseits aber auch der Interpretationsvergleich. Ich will einfach hören, was Domingo anders macht als Pavarotti und dieser wieder als Bjoerling, welche Sängerin als Azucena die besten fallenden Kadenzen singt (natürlich Marilyn Horne!) oder das phänomenalste hohe C einlegt (natürlich Fiorenza Cossotto!). Und so entsteht dann eine Plattensammlung.

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2 Antworten zu Musik sammeln?

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