Donatella Di Cesare, Das Komplott an der Macht, 2021, dt. 2022 (aus dem Italienischen von Daniel Creutz), Matthes & Seitz, 140 Seiten.

Der Essay der italienischen Intellektuellen, einer Philosophieprofessorin an der ehrwürdigen Universität La Sapienza in Rom, beschäftigt sich mit einem aktuellen Phänomen:
Wenn Verschwörungserzählungen ein derart großer Erfolg beschieden ist und sie inzwischen die öffentliche Meinung beeinflussen und durchdringen, dann weil sie konkurrierende Bedürfnisse miteinander in Einklang bringen und gemeinsame Bestrebungen mobilisieren. (S. 8f.)
Di Cesare spricht vom Komplott, das sie von der Verschwörung und von der Konspiration abgrenzt. Erstere ist vom im Geheimen geleisteten Schwur einer begrenzten Anzahl von Personen geprägt, der aber in der Tat als eminent politischem Akt offenbar wird. Verschwörer werden, ebenso wie das anvisierte Ziel – in der Regel ein Tyrann -, sichtbar. Die Konspiration bleibt unpersönlich und angreifbar, sie fürchtet die Repression und vermag nur in einem revolutionären Akt nach außen zu treten.
Was aber ist dann ein Komplott? (S. 26)
Die Antwort bleibt vage und, so die Autorin, enttäuscht „Liebhaber eindeutiger Definitionen“ (S. 26). Annäherungsweise ist von einer anonymen Masse die Rede, von einem obskuren Gewirr, von einem Geflecht, das vom Geheimnis umweht ist (S. 27f.).
Diese Komplott steht für die gesichtslose Macht, den sogenannten tiefen Staat. Komplottisten sind hingegen diejenigen, die hinter diese Fassade schauen wollen oder zu schauen meinen. Es sind mit anderen Worten jene, die an Verschwörungserzählungen glauben und Bill Gates, George Soros oder Angela Merkel wahlweise für die Drahtzieher oder für die Marionetten des Weltjudentums halten.
Soweit, so erwartbar. Im weiteren Verlauf war mir beim Lesen nicht immer klar, ob Di Cesare nun selbst an das Komplott glaubt oder doch nur empathisch die Haltung der Komplottisten vorträgt, für deren Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion sie erstaunlich viel Verständnis aufbringt.
In dem Essay finden sich viele gute Beobachtungen und auch interessante Gedanken, etwa zum weitverbreiteten Bestreben, Opfer zu sein und daraus in Debatten Kapital schlagen zu wollen. Treffend auch die Ausführungen zum Vertrauensverlust in die „offiziellen“ Medien und die Suche nach und das Ausweichen auf Blogs.
Schwierigkeiten bereitet es der Autorin zuzugeben, daß es nicht nur rechte Verschwörungserzählungen gibt; der Kampf von links gegen Kapital und Staat ist – so scheint es an mehr als einer Stelle durch – ja eigentlich eine gute Sache (S. 68).
Insgesamt wirkt das Buch sprunghaft und nicht aus einem Guß, nicht alle Einzelpunkte fügen sich stimmig zusammen. Populistische Führer, linke Ideologen, Verzweifelte und Wütende, schlichte Antisemiten und kritische Geister – der Essay wirft zu vieles in einen Topf und läßt anschließend manches im Unklaren.



