Wer zieht die Fäden?

Donatella Di Cesare, Das Komplott an der Macht, 2021, dt. 2022 (aus dem Italienischen von Daniel Creutz), Matthes & Seitz, 140 Seiten.

Donatella Di Cesare, Das Komplott an der Macht | Foto: nw2023

Der Essay der italienischen Intellektuellen, einer Philosophieprofessorin an der ehrwürdigen Universität La Sapienza in Rom, beschäftigt sich mit einem aktuellen Phänomen:

Wenn Verschwörungserzählungen ein derart großer Erfolg beschieden ist und sie inzwischen die öffentliche Meinung beeinflussen und durchdringen, dann weil sie konkurrierende Bedürfnisse miteinander in Einklang bringen und gemeinsame Bestrebungen mobilisieren. (S. 8f.)

Di Cesare spricht vom Komplott, das sie von der Verschwörung und von der Konspiration abgrenzt. Erstere ist vom im Geheimen geleisteten Schwur einer begrenzten Anzahl von Personen geprägt, der aber in der Tat als eminent politischem Akt offenbar wird. Verschwörer werden, ebenso wie das anvisierte Ziel – in der Regel ein Tyrann -, sichtbar. Die Konspiration bleibt unpersönlich und angreifbar, sie fürchtet die Repression und vermag nur in einem revolutionären Akt nach außen zu treten.

Was aber ist dann ein Komplott? (S. 26)

Die Antwort bleibt vage und, so die Autorin, enttäuscht „Liebhaber eindeutiger Definitionen“ (S. 26). Annäherungsweise ist von einer anonymen Masse die Rede, von einem obskuren Gewirr, von einem Geflecht, das vom Geheimnis umweht ist (S. 27f.). 

Diese Komplott steht für die gesichtslose Macht, den sogenannten tiefen Staat. Komplottisten sind hingegen diejenigen, die hinter diese Fassade schauen wollen oder zu schauen meinen. Es sind mit anderen Worten jene, die an Verschwörungserzählungen glauben und Bill Gates, George Soros oder Angela Merkel wahlweise für die Drahtzieher oder für die Marionetten des Weltjudentums halten.

Soweit, so erwartbar. Im weiteren Verlauf war mir beim Lesen nicht immer klar, ob Di Cesare nun selbst an das Komplott glaubt oder doch nur empathisch die Haltung der Komplottisten vorträgt, für deren Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion sie erstaunlich viel Verständnis aufbringt.

In dem Essay finden sich viele gute Beobachtungen und auch interessante Gedanken, etwa zum weitverbreiteten Bestreben, Opfer zu sein und daraus in Debatten Kapital schlagen zu wollen. Treffend auch die Ausführungen zum Vertrauensverlust in die „offiziellen“ Medien und die Suche nach und das Ausweichen auf Blogs. 

Schwierigkeiten bereitet es der Autorin zuzugeben, daß es nicht nur rechte Verschwörungserzählungen gibt; der Kampf von links gegen Kapital und Staat ist – so scheint es an mehr als einer Stelle durch – ja eigentlich eine gute Sache (S. 68).

Insgesamt wirkt das Buch sprunghaft und nicht aus einem Guß, nicht alle Einzelpunkte fügen sich stimmig zusammen. Populistische Führer, linke Ideologen, Verzweifelte und Wütende, schlichte Antisemiten und kritische Geister – der Essay wirft zu vieles in einen Topf und läßt anschließend manches im Unklaren. 

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Schwierige Paarbeziehung

Julia Schoch, Das Liebespaar des Jahrhunderts, 2023, 193 Seiten.

Buchcover | Verlagswebseite

Im Grunde ist es ganz einfach: Ich verlasse dich.
Drei Wörter, die jeder Mensch begreift. Es genügen drei Wörter, und alles ist getan. Man muss sie bloß aussprechen. Ich bin erstaunt, dass das so einfach ist. Und noch etwas erstaunt mich: Der Satz ist genauso kurz wie der, den ich am Anfang unserer Geschichte gesagt habe.
Am Anfang habe ich zu dir gesagt: Ich liebe dich. (S. 7)

Damit ist der Ton gesetzt und gleichzeitig auch die ganze Geschichte erzählt. Was noch kommt, ist Variation und Ausschmückung. Ist ein Suchen, ist die Suche. Die Suche nach dem Moment, in dem die Entscheidung heranreift, jene drei Wörter auszusprechen. Sie zu denken, sie für möglich zu halten.

Kann eine Liebesgeschichte erst erzählt werden, nachdem sie vorbei ist? Und was wird dann erzählt? Ein Scheitern, ein Ende, ein Beginn? Julia Schoch erzählt das alles und noch viel mehr. Der Roman ist zugleich sparsam und dicht, beschreitet zügig eine Hauptstraße und tändelt auf Nebenpfaden herum. Der Text ist präzise komponiert – was man ihm mitunter und dann nicht unbedingt zu seinem Vorteil anmerkt – und gelegentlich recht offensichtlich auf den einen schönen, prägnanten Satz hin geschrieben, der zwar treffend einen Gedanken oder eine Empfindung beschreibt, aber ebenso schnell vergessen wird, wie er aufgespießt und dem Betrachter präsentiert wurde – nicht selten, weil einige Zeilen danach bereits der nächste schöne Satz auf seinen Moment wartet.

Der Text ist prätentiös, ja. Aber eben nicht nur – Gott sei Dank!

Gekonnt entfaltet sich die Erzählung in der Rückblende. Die namenlos bleibende Erzählerin läßt ihre Erinnerung Revue passieren. Auf engem Raum wird ein Leben entworfen, die wesentlichen Ankerpunkte und Entwicklungssprünge benannt, aus denen sich im Kopf des Lesers jene dreißig Jahre zusammensetzen, über die hier gesprochen wird.

Der Mann, mit dem sie jenes Liebespaar des Jahrhunderts bildet, wird von ihr als „Du“ angesprochen und bleibt gleichfalls namenlos. Existentiell fokussiert sich der Text auf sie und ihn als ich und du, als Mann und Frau, als d a s Liebespaar, anders als die anderen, besonders, einzigartig. Dabei ist nichts einzigartig an den beiden.

Studentisch rebellische Pose, Ablehnung bürgerlicher Spießigkeit, akademisch-prekäre Lebensführung, die abgelöst wird von Arriviertet mit kultivierter Rest-Bohème, größeren Wohnungen, Kindern, Familienleben. Dazwischen, währenddessen, nebenbei erkaltet ihre Liebe, also die der Erzählerin, die ihn irgendwann verlassen will, vor sich selbst erschrickt, sich dann an den Gedanken gewöhnt, mit ihm versöhnt, ihn heranreifen läßt und darauf wartet, ihn in die Tat umzusetzen.

Vielleicht ist nicht nur das Aussprechen einer Absicht der abgeschossene Pfeil. Vielleicht ist es bereits der Gedanke. Nicht nur, was man sagt, auch was man denkt, ist in der Welt. Weil fast alles, was gedacht wird, auch irgendwann getan wird. Getan werden muss. Es ist wie ein Zwang. Die Realität ist nur der Kollateralschaden sämtlicher Einfälle, die jemals gedacht worden sind, ihr unvermeidliches Nebenprodukt. (S. 103)

In was verwandelt man sich, wenn der andere aufhört, einen zu lieben? Verwandelt man sich in sich selbst zurück? Ist man, wenn man aus einer Liebesbeziehung entlassen wird, noch immer der Mensch, in den der andere sich einst verliebt hat? Oder war ich, sozusagen unter dem Zugriff der Liebe, unbemerkt von der Außenwelt, ja sogar ohne daß ich selbst es bemerkt hätte, mit den Jahren eine andere geworden? (S. 76)

Das Buch besticht durch eine ausgefeilte und sicher verwendete Sprache. Vereinzelte Mißgriffe – etwa die Verwendung des Wortes Unglück (S. 151) oder die „Gründe dagegen“ (S. 65) – unterstreichen die Qualität der Sprache noch. 

Offen bleibt für mich angesichts der autofiktionalen Struktur des Texts, ob es sich um eine brilliant erzählte erfundene Geschichte handelt oder um eine auf Fehlannahmen beruhende Selbstbespiegelung, die die Züge einer weiblichen Midlife-Crisis trägt und nicht frei von Paranoia ist (S. 115ff.). Dazu trägt für mich auch bei, daß es öfter darum geht, wie diese Geschichte zu erzählen sei, in welchem Stadium sich die Erzählerin, ihr Partner oder sie beide als Paar befinden müßten, damit die Geschichte erzählt werden kann.

Somit hinterläßt der Text – der erst im Nachhinein als zweiter Band einer Trilogie zu erkennen ist – bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Die Rezensentinnen des deutschen Feuilletons waren hingegen begeistert, erkannten sich und ihre Erfahrungen mit Männern wieder.

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Der große Augenblick

Clarice Lispector, Der große Augenblick, 1977, dt. 2016 (aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby), Tb. 2018, 126 Seiten.

Clarice Lispector, Der große Augenblick | Foto: nw2023

Der Text, gut 110 Seiten lang, ist eigentlich recht kurz für einen Roman und vieles bleibt denn auch im Ungefähren. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, daß der männliche Erzähler genausoviel über sich und sein Schreiben sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten spricht, wie über die Geschichte, die er erzählen möchte. Lispector verschlingt also den inneren Monolog des Erzählers mit dessen auktorialer Erzählung, deren Konturen dadurch verschwimmen.

Macabéa, so heißt die junge Frau, deren Geschichte erzählt wird, wird als Waise von einer bösen und geizigen Verwandten aufgezogen, erwirbt nur die geringsten Kenntnisse und sucht sich dementsprechend eine schlecht bezahlte Stelle, die sie weder ernährt noch ausfüllt. Ohne Ansprüche und Erwartungen nimmt sie das Leben wie es kommt und taumelt durch die Tage. Ablenkungen, Gier oder Lust sind ihr fremd, Kontakte zu und Interaktionen mit anderen Menschen bleiben meist auf das Nötigste beschränkt. Als dann doch ein Mann in ihr Leben tritt – ebenfalls eine Verlierergestalt, aber anders als sie mit Kampfeswillen – ergibt sich eine von Verletzungen und Kränkungen geprägte Partnerschaft, die der Mann recht bald zugunsten einer lebensfrohen und ihm eine Gebärperspektive bietenden Frau aufgibt.

Nachdem Macabéa eine Wahrsagerin besucht hat, nimmt die Geschichte ein einschneidende Wendung.

Wie ich gleich ausführen werde, ist diese Geschichte das Ergebnis einer Wahrnehmung, die nach und nach erfolgte – seit zweieinhalb Jahren entdecke ich allmählich die Gründe. Gegenstand der Wahrnehmung ist das unmittelbare Bevorstehen von. Von was? Wer weiß, ob ich das noch erfahre. (S. 10)

Die auf mich erratisch wirkende Erzählweise führt dazu, daß Sätze sehr matt wirken, oder auch strahlen können, abhängig davon, ob sie von der Selbstreflexion überschattet werden oder nicht. Eigenartig.

Sie war zu unbeholfen, um sich zu helfen zu wissen. (S. 28)

Sie war ein schweigsamer Mensch (weil sie nicht zu sagen hatte), aber sie mochte Geräusche. (S. 42)

Am Sonntag stand sie früher auf, um mehr Zeit zum Nichtstun zu haben. (S. 44)

Dies ist der letzte Text Lispectors, die 1977 im Alter von nur 57 Jahren starb. Ob er deswegen als Spätwerk zu charakterisieren wäre und welche Implikationen – besondere Reife, Hintersichlassen von Konventionen, etc. – das hätte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich empfinde ihn eher als experimentell, ja bewußt unentschieden.

Anders als die Romane der 1920er Jahre, die die neue Frau zum Gegenstand haben und deren Chancen in der modernen Welt ausloten, erscheint mir dieser Text schlaff und richtungslos.

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Jazzen für den Führer?

Demian Lienhard, Mr. Goebbels Jazz Band, 2023, 313 Seiten.

Demian Lienhard, Mr. Goebbels Jazz Band | Foto: nw2023

Was für ein Titel! Inhaltlich weckt er Erwartungen, formal provoziert er immer wieder Kopfschütteln. Immerhin wird die Fehlerhaftigkeit auch im Text einmal angesprochen (S. 145). Doch ist ein Buch mehr als sein Titel, muß mehr sein, um überzeugen und berühren zu können. Kann dieses Buch mich berühren und überzeugen? So sicher bin ich mir da immer noch nicht.

Ein Autor schreibt ein Buch über einen Autor, der ein Buch schreibt über einen Mann, der eine Rolle spielt, die seinen Überzeugungen entspricht. Ist die Doppelbödigkeit ein Kunstgriff oder doch nur Selbstzweck?

Historische Tatsache ist, daß die Nazis Propagandasender unterhielten, auf denen die eigentlich verpönte Jazzmusik gespielt und mit Texten kombiniert wurde, um den Durchhaltewillen der Engländer zu schwächen und sie gegen ihre Regierung, namentlich gegen Premierminister Churchill, aufzustacheln. Die Texte wurden in überzogener Oberschichtensprechweise vorgetragen, es gab nacheinander drei Sprecher, die als „Lord HawHaw“ Berühmtheit erlangten, am längsten war ein gewisser William Joyce aktiv.

Joyce ist eine der Hauptfiguren des Romans, er ist es, dessen Geschichte der Autor Mahler erzählt. Joyce ist ein englischer Faschist, ein gebürtiger US-Amerikaner, der aus irischer Familie stammt, aber sich als Brite ausgibt, um in die Armee einzutreten. 1939 muß er aus England fliehen und geht nach Deutschland. Margaret White ist eine Anhängerin der Faschisten und Bewunderin von Joyce, einem begnadeten Selbstdarsteller und Blender; später heiraten die beiden.

Der schweizerische Autor Fritz Mahler wird 1941 von den Nazis ausgewählt, um in Berlin einen Roman über die Jazzband zu schreiben, die die Musik zu den Propagandasendungen gegen England beisteuert. Für die Musiker ist dies eine Chance, zumindest ein Aufschub, um Tod und Verfolgung zu entgehen.

Am Ende erfahren wir, daß Joyce von den Engländern im Mai 1945 festgenommen und später wegen Landesverrrats hingerichtet wird. Er stolpert nun über seine vormals behauptete britische Staatsbürgerschaft.

Im dumpfen Vibrando (sic) dieser großstädtischen Geschäftigkeit war zunächst nur unmerklich, dann aber umso schärfer und stechender ein dreimotoriges Knattern und Spatzen auszumachen, und wer nun, vom Lärm aufgeschreckt, den Kopf hob, konnte dort einen in der Sonne glitzernden Aeroplan seine ebenmäßigen Bahnen ziehen sehen; seine Nase starr gegen Tempelhof gerichtet, sank er wie auf einer unsichtbaren Rampe langsam aus dem Himmel herab (S. 11f.)

In Sachen Unterhaltungsmusik machte dem Düsseldorfer so schnell keiner was vor, er kannte Hinz und Kunz, Krethi und Plethi und im Zweifel auch Pontius und Pilatus. (S. 23f.)

Ein bemüht historisierender Klang, gequälte Flottheit. Aber Lienhard kann auch anders:

Mahler war froh, solche Feigenblätter zur Kaschieren seiner tatsächlichen Beweggründe zur Hand zu haben, denn hin und wieder, in einem jener seltenen Momente des Klarsehens, nagte die Gewissheit, dass sie durch und durch verwerflich waren, ganz fürchterlich an ihm. (S. 45)

Gegen Mittag hatte er einen der Vorortszüge genommen und war nach Datchet hinausgefahren, um den Kopf freizubekommen, und das war ihm so prächtig gelungen, dass er, von ihm selbst unbemerkt, über einen kleinen Umweg am Eton College vorbei bis nachher Windsor hineingelangt und dort in eine der Gaststätten am Flussufer gespült worden war. Er hatte erst wieder zu sich gefunden, als er inmittender fröhlichen Ausflügler, die von London oder Reading herübergekommen waren und nun, nachdem sie, erhitzt von der körperlichen Betätigung, ihre schweren Tweedjacken abgelegt und sich im bloßen Hemd, die Hosenträger schamlos offenbarend, in ihre hölzernen Klappstühle gelümmelt hatten, die wohlbekannte Buchstabenfolge seines Namens in der Zeitung sah. (S. 71f.)

Ob diese Thomas-Mann-Parodien gewollt sind, läßt sich nicht sagen. Auch die verunglückte Namensgebung für eine Fähre „SS Lethe“ (S. 110) ist ein Beispiel für den aus meiner Sicht ziemlich schlechten sprachlichen Stil des Buches.

Vieles bleibt im Ungefähren, einzig der Tod von Joyce ist so eindeutig wie die militärische Niederlage des Deutschen Reichs.

Insgesamt ein eigenartiges und eigenwilliges Buch, das mich aber weder gepackt hat noch überzeugen konnte.

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