Die Fassadendiebe

John Freemann Gill, Die Fassadendiebe, 2017, dt. 2017 (aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Nikolaus Hansen), 457 Seiten.

Lesehistorie

Bei meinem ersten Versuch bin ich bis Seite 49 gekommen und habe das Buch dann zwei Jahre im Regal stehen lassen. Sicher hatte ich damals keine Zeit oder ein anderes Buch interesierte mich mehr, denn nun bin ich glatt über diese Klippe hinweggekommen, wobei an dieser Stelle lediglich das dritte Kapitel endet. Daß Uwe, der Kaffeehaussitzer, dem Buch eine begeisterte Besprechung gewidmet hatte, sorgte dafür, daß ich das Buch nicht vergaß.

Im Juni 2020 hatte ich einen gewissen Leseflow für vierhundertseitige Romane, und so war die Zeit reif für diesen New-York-Roman.

Inhalt

Die Auflösung von Familienstrukturen durch eine Trennung der Eltern bringt die Welt von Kindern und Heranwachsenden ins Wanken. In einer generell unsicheren und rauhen Umgebung, wie sie das New York der 1970er Jahre darstellte, liegen Trauma und Abenteuer, Gefahr und Chance dicht beeinander. Griffin, der dreizehnjährige Erzähler, und seine ältere Schwester Quigley, sind in genau dieser Situation, denn ihre Eltern haben sich getrennt, der Vater schaut nur noch sporadisch vorbei. Sie leben bei ihrer Mutter in einem alten Haus, wo halbseidene Untermieter kaum etwas zur Finanzierung beitragen. Schule und Pubertät sind für Griffin naheliegende und mitunter anstrengende Themen, aber er macht sich auch auf die Suche nach dem abgetauchten Vater.

Zu ihm einwickelt sich dann eine intensive Beziehung auf einer neuen Grundlage. New York ist teilweise rechtbrutalen Modernisierngseingriffen ausgesetzt, und Vater Nick hat es sich zur Aufgabe gemacht, kleinere und größere Details der Architektur und insbesondere der Fassadendekorartion vor dem Untergang zu bewahren. Dabei ist ihm der kleine und eher schmächtige Griffin eine wertvolle Hilfe.

Für den Sohn steht zunächst das gemeinsame Erleben im Vordergrund, doch dann wird er selbst zu einem Sammler und will zur Bewahrung der Statd in ihren Emblemen beitragen.

Viel später, er ist inzwischen selbst Vater und Zeuge noch weitreichender Veränderungen geworden, überlegt er, wie sein Kind die Stadt erleben und beobachten wird.

Stil

Das Buch ist klar geschrieben, meist dynamisch vorwärts drängend. Es gibt spannende und auch gefährliche, ja lebensbedrohende Situationen – vielleicht ein bißchen viel auf einmal – und man steuert mit einer gewissen Atemlosigkeit auf den dramatischen Höhepunkt zu.

Irgendwann wird auch klar, daß Griffin im Erwachsenenalter aus der Rückschau erzählt, denn gerade am Anfang ist die Perspektive nur im Ansatz die eines Dreizehnjährigen.

Für mich gewann auch die Figur Griffin viel mehr Plastizität als sein Vater oder gar Mutter und Schwester. Obwohl er insgesamt ja mehr über die anderen spricht als über sich selbst, erfährt man als Leser doch sehr viel über ihn.

Eindruck

Wandel und Beständigkeit, Bedrohlichkeit und Chance von Veränderungen – der Roman spricht wichtige Themen an. Der erwachsene Mann, der sich um die Stadt sorgt, die er kennt, der Teenager, der sich vor dem Zerfall seiner Familie fürchtet – ihre jeweiligen Ängste führen sie zusammen und lassen sie eine neue Gemeinsamkeit erfahren. Das wird, so finde ich, gut erzählt und umgesetzt. Es hat mich als Leser auch deswegen berührt, weil ich diese Art der Nähe zum Vater sehr gut nachvollziehen konnte. Ich bin gut zwanzig Jahre land, ungefähr von acht bis achtundzwanzig, in den Schul- und später den Semesterferien sowie im Referendariat mit meinem Vater arbeiten gegangen. Auch enn ich ihm auf den Baustellen sicherlich nicht oft eine echte Hilfe gewesen bin, so war diese gemeinsame Zeit, die geteilte Anstrengung und das Ergebnis, auf das wir abends erschöpft zurückblicken konnten, eine gute Erfahrung, die mir heute noch wertvoll ist und uns immer noch verbindet.

Mehr als Spannung und gute Unterhaltung: Das Buch hat einen Nerv getroffen.

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