Ruth Tannenbaum

Miljenko Jergović, Ruth Tannenbaum, 2006, dt. 2019 (aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert), 448 Seiten.

Miljenko Jergović, Ruth Tannenbaum | Foto: nw2020

Miljenko Jergović, Ruth Tannenbaum | Foto: nw2020

Kurzgefaßt

Gerade einmal 21 Jahre umfaßt der zeitliche Rahmen dieses Buches, das einsetzt, als Salomon Tannenbaum im Jahr 1920 den Gasthof „Zum österreichischen Kaiser“ betritt und sich nicht offensiv genug zum neuen Königreich Jugoslawien bekennt. Es endet an jenem Tag im März 1941, als Geheimpolizisten des mittlerweile faschistischen Kroatien seine Tochter Ruth abführen.
Der Roman greift aber immer wieder weit zurück in die wechselvolle Geschichte des Landes mit den mächtigen Nachbarn Ungarn, Österreich, Serbien, dem Osmanischen Reich und Italien. Für diese Jahrhunderte wie auch für die bewegte Zwischenkriegszeit gilt, daß die Menschen ihr Leben leben müssen und wollen: Heiraten und Kinder bekommen, Geschäfte machen und zur Arbeit gehen, essen und trinken, Geschichten erzählen, Gotteshäuser aufsuchen und Feste feiern. Da ist es beinahe egal, welcher Kaiser oder König in seiner fernen Hauptstadt das Sagen hat.

Zur Handlung

Als Leser begleiten wir Salomon Tannenbaum, genannt Moni, für zwanzig Jahre auf seiner Lebensreise, während derer er einen Großteil der vorgenannten Dinge erlebt und erledigt. Wir lernen ihn, seine Frau Ivka und beider Tochter Ruth kennen, seinen Schwiegervater Abraham Singer und die Nachbarsfamilie Alicija und Radovan Mosinj. Bei ihnen, die ihren kleinen Sohn Antun verloren haben, verbringt Ruth zwei Tage die Woche. Nach einigen Jahren bringt Alicija die mittlerweile achtjährige Ruth zu einem Vorsprechen ins Nationaltheater, woraufhin sich alles verändert.
Die Tannenbaums trumpfen auf, obwohl sie Juden sind. Doch dann kommen die Ustascha an die Macht.

Indes die Lichter in Europa ausgingen, badete Zagreb im Glanz von Schauspiel, Tonfilm und Eitelkeit und legte im Wettbewerb mit anderen jugoslawischen Städten und Kleinstädten großen Wert auf diese Fähigkeit, die 1940, als der Krieg die Westfront erreichte und die Luftschlacht über England tobte, zum Höhenflug ansetzte, weil der friedfertigem bescheidene Volksführer Maćek die kroatische Banschaft erkämpft hatte und im Gewand seiner stillen Kupinecer Revolution alles möglich schien. Mit offiziellen Ehrungen, Symbolen und Emblemen befreite sich unsere Kulturelite von den staubigen serbischen Opaken einerseits und verwahrte sich andererseits gegen die kommunistisch-kosmopolitische Heimatlosigkeit. (S. 320f.)

Zum Stil

Unaufhörlich werden Geschichten erzählt, von früher, ob selbst erlebt oder aus zweiter Hand. Diese kommentieren und reflektieren die Handlung, die ihrerseits eingebettet ist in die Entwicklung des Königreichs Jugoslawien ab 1920 und die Etablierung des faschistischen Kroatien, der Erzählzeit des Romans. Ohne Rückgriffe in die Vergangenheit, teilweise bis in die 1850er Jahre, kommt das Epos aus Ostmitteleuropa nicht aus.

Eine wichtige Rolle nimmt Zagreb ein, gleichermaßen als Ort wie als Menschenkollektiv. Es ist Fixpunkt der jahrzehntelang eingeübten Abgrenzung, ob nach Wien, Budapest oder Belgrad. Prag oder Kiew spielen hingegen keine Rolle, auch nicht Triest oder Venedig. Berlin, ja da kommt dieser Hitler her, doch den nehmen zu wenige Ernst. Erst als ein Gastspiel des Nationaltheaters in Wien ansteht, schenkt man Nationalsozialisten etwas mehr Aufmerksamkeit. Wien, das nun im Großdeutschen Reich liegt, gerinnt zum Ort eines Triumphs der nationalen Selbstdarstellung beim Nachweis für den Rang der kroatischen Kultur. Was macht es da, daß das jüdische Mädchen Ruth Tannenbaum als Christine Horvarth annonçiert wurde? Das großdeutsche Feuilleton lobt ihr reines, altertümlich-strenges Deutsch und nennt sie einen Fels ihres kroatischen Stammes.

Mal ist es sanfte Ironie, mal beißender Spott, mit dem der Autor seine Figuren bedenkt, ihre Naivität, ihren Dünkel. Wie kann es im Völkergemisch des Balkan kollektive Identitäten, wie eine nationale Idee geben – beziehungsweise um welchen Preis und zu wessen Lasten können völkische Utopien verwirklicht werden? Dies wird nicht abstrakt ausgedeutet, sondern anhand einzelner Figuren und ihrer Rede veranschaulicht. Mit dem Wissen um die weitere Entwicklung der vierziger Jahre und die Eruption während der Neunziger bleibt mir so manches Mal das Lachen im Halse stecken.

Für Inka war das, was sich näherte, einfach da. So wie es Regenwolken, den Vollmond oder Flut und Ebbe gibt, es machte keinen großen Unterschied, ob Unwetter oder Hitler über Europa zogen. Er wetterte gegen die Juden, schleuderte Blitze gegen sie, nahm ihren Besitz weg, verjagte sie vom Arbeitsplatz, warf sie aus ihren Wohnungen. Das tat er in Deutschland, doch durfte er es außerhalb Deutschlands tun? Und selbst wenn, selbst wenn er so verrückt wäre, es wäre nicht der Weltuntergang, Hitler lebt nicht ewig, so wenig wie Hindenburg ewig lebte, so wenig wie die bisherigen Herren Stojadinović und Jevtić ewig lebten. Gestern noch waren sie das Maß aller Dinge, heute sind sie verschwunden. So wird es auch Hitler ergehen. Wir werden über uns selbst lachen, weil wir ihm so viel Bedeutung zugemessen haben, wir werden auf uns selbst böse sein, weil wir eine solche Angst, lauter böse Ahnungen, Albträume hatten, uns böse Worte an den Kopf warfen und damit en Urlaub in Opatija versauten, und alle wegen diesem Hitler. (S. 283)

Mein Fazit

Das unbedingt empfehlenswerte Buch ist stark erzählt, es hat eine sehr gute Geschichte. Die Charaktere werden treffend gezeichnet, wobei sich einfühlsame Porträts mit groben Karikaturen abwechseln. Der Mensch ist ahnungsvoll und unwissend zugleich, endgültig aus dem Paradies vertrieben. Kultur ist hohl und Kulturschaffende werden zu Mägden und Knechten der Macht, korrupte Profiteure und chancenlos Ausgelieferte zugleich. Das Böse ist banal.

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