Brigitte Kronauer, Das Taschentuch

Brigitte Kronauer, Das Taschentuch | Foto: nw2019

Brigitte Kronauer, Das Taschentuch | Foto: nw2019

Brigitte Kronauer, Das Taschentuch, 1994, Tb. 2001, 316 Seiten. Der fünfte Roman der Schriftstellerin (1940-2019) spielt im Westen Deutschlands, kurz nach der Wiedervereinigung. Kronauer erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis (2005) und den Thomas-Mann-Preis (2017). Gelobt wurde stets ihre Beobachtungsgabe und ihre Sprachkunst. Ich hörte ehrlich gesagt das erste Mal von ihr, als in diesem Sommer posthum ihr letzter Roman erschien. Zum Einstieg in ihr Werk entschied ich mich dann für den als Taschenbuch vorliegenden Roman »Das Taschentuch«, den der Klappentext wie folgt bewirbt:

Ein Roman über eine Schriftstellerin und ihr Modell. Er beginnt in einer Nachtbar und endet auf dem Straßenpflaster, unter Kastanien, mit einem einfachen Todesfall.

Die Nachtbar entpuppt sich als Barinsel in einer überdimensionierten Hotelhalle. Ein skurril erzählter Anfang, adjektivgesättigt, voller Wahrnehmungen und Zuschreibungen, eine erschöpfende Anhäufung von Gegensätzlichkeiten. Zehn vollgepackte und dennoch leere, weil sofort irrelevant werdende Seiten, an deren Ende die Erzählerin mit einer weiteren Person am Straßenrand zurückbleibt. Mit Willi Wings, wie er umstandslos eingeführt wird, ihrem ältesten Freund, der den ganzen Abend schon dabei gewesen war, ohne ein Wort zu sagen.

Und so beginnt auf Seite 18 eine gigantische Rückblende, die mit einer Familienfeier eine Woche zuvor ansetzt und dann zurückstürzt in die Kindheit von Irene und Willi, um wenige Seiten danach auf ungefähr das letzte Jahr vor dem Barbesuch eingegrenzt zu werden.

Irene erzählt sodann von mehreren Besuchen in der Stadt B. bei der Familie Wings, wo Willi mit seiner Ehefrau, einer gemeinsamen Tochter und einer Stieftochter, mit seiner Mutter sowie Schwiegermutter und Schwägerin lebt. Er ist Apotheker, Irene lebt als Schriftstellerin in einer anderen Stadt. Der Roman spielt 1990, ferne geschieht etwas in der DDR, noch ferner kommt es zum Golfkrieg.

Es geschieht viel, zumeist Alltägliches, aber auch die Ausflüge oder Ereignisse bleiben im Rahmen des Normalen. Eine eigentliche Romanhandlung ist nicht erkennbar und so wirkt das Buch auf mich als eine Collage von Gesprächen und Eindrücken. Die Themen sind vielfältig, kreisen aber vornehmlich um die Punkte Wandel, Familie und Alter.

Stil

Personen werden mal knapp und direkt charakterisiert:

So gefiel mir Ingeborg, sie wurde, ohne aufzuhören, die Geschäftsfrau von Format zu sein, zur Nonsensdichterin, allerdings ohne Ausdauer. (S. 78f.)

Mal hingegen lang und ausschweifend:

Willi kann sie anstarren wie er will, er kommt nicht dahinter. Er kannte mit fünfundzwanzig sechs Monate lang eine solche Frau. sie machte ihn keineswegs länger als zwei Wochen glücklich. Seine Tochter trägt ihren Namen, das muß niemand erfahren.

Es gab eine solche Frau aber schon viel früher, ein kleines Mädchen, Willi war neun Jahre alt, seine Kusine acht, das einzige weibliche Wesen, auf das ich im Hinblick auf Willi je eifersüchtig gewesen bin. Ich habe sie gehaßt, ich hätte mich gefreut, wenn sie gestorben wäre.

Was Willi damals mit Entzücken, mich mit Wut erfüllte, war zunächst der Umstand, daß sie, was keinem anderen Kind erlaubt war, ihre schwarzen Haare offen trug, nur mit zwei Kämmen seitlich zu einer schwappenden Mähne hochgebäumt […] Will schenkte ihr seine schönsten Federn und Steine. sie nahm alles an, melancholisch an ihm vorbeilächelnd.

Willis bester Freund, reich und dick, hatte mehr Erfolg. Eines Nachmittags beobachteten wir die beiden, das alte Lied, im Garten, in einem Gebüsch aus Jasmin und Flieder […] Als sie wegfuhr, fand ich ihn an dieser Stelle, mit dem Gesicht auf dem Boden. Ach, er war doch noch so klein. (S. 84f.)

Die Sätze sind meist komplex, gleiten über die Zeilen und bilden Girlanden. Das liest sich schön und elegant, ist oft auch voll Komik. Die Nähe der Beziehung zwischen Willi und Irene ist über Jahrzehnte gewachsen und kommt ohne Erotik, jedenfalls ohne Sexualität aus. Sie beruht aber nicht auf Sprache, sondern auf Verständnis. Kronauer gelingt es sehr gut, dies durch die Verschränkung komplexer Beschreibungen und demgegenüber schlichter Gespräche zu demonstrieren.

Es ist in dem 1994 erschienenen Text übrigens noch ganz selbstverständlich von Negerküssen (S. 145) und Behinderten (S. 232) die Rede.

Die Toiletten gerade der großen Speiserestaurants oder Eßgaststätten, Autobahnrastorte interessieren mich besonders. Ich weiß nicht, ob es die eigene und urtümliche Verbindung von Menus und Klos ist. Meist wird ja oben, wo man serviert, mit allerlei läppischer Garnitur auf den Tellern wüst was hergemacht, auch mengenmäßig. Unten herrscht die hygiene;: pragmatisch, mit scharfem Sauberkeitsgeruch, der oft bis auf die Tische steigt. Auch hier war, wie zu erwarten, der Toilettenbereich die höllisch blanke Unterwelt, imponierend und für gewaltigen Andrang gedacht. Das begutachtete ich erst gegen Schluß. Bevor man, nach Treppenaufstieg, in den eigentlichen Eßraum eintrat, kam man durch eine Art Boutique, wo es an Drehständern auch Heftchenromane gab. Sie waren viel weniger aus der Mode gekommen, als ich dachte, selbst die Titel ahmten die fünfziger Jahre nach, die väterlichen Liebhaberblicke der Ärzte und die Gebirglerinnen, so verzaubert lächelnd und en vogue. (S. 281)

Mein Eindruck

Gegen Ende hin kulminieren die familiären Verwicklungen auf Autofahrten und Feiern. Erst auf den letzten zehn Seiten kehrt der Roman zum Ausgangspunkt zurück. Dies wird explizit markiert, muß es werden, da die Episode angesichts der Fülle von Geschehnissen  danach – also zuvor – und aufgrund ihrer eigentümlichen Willilosigkeit, ihrer fehlenden Willifikussierung sich im Nebel des Anfangs zu verlieren droht.

Lange blieb mir unklar, worum es in dem Buch geht beziehungsweise worauf die Autorin hinaus will. Die Formulierung auf der hinteren Umschlagseite „Ein Roman über eine Schriftstellerin und ihr Modell. Er beginnt in einer Nachtbar und endet auf dem Straßenpflaster, unter Kastanien, mit einem einfachen Todesfall“, sie hat mich diesbezüglich in die Irre geleitet.

Willi das Modell der Schriftstellerin? Sie liebt ihn uneingestanden, und er ist der Fixpunkt ihrer Verbindung zu den Familien Wings und Luchs – aber er ist nicht ihr Modell. Zum Begriff der Nachtbar habe ich schon etwas gesagt. Die Anlage der Geschichte ist also verquer, jedenfalls gesucht, und kann mit der Beschreibung auf der Rückseite nicht adäquat erfaßt werden. Vor allem eignet ihr keine drängende Vorwärtsbewegung, wie ich sie aus der Flottheit des Werbespruchs herleitete.

Jenseits dessen ist das Buch gut. Man müßte es gleichsam vorurteilslos noch einmal lesen, um die treffenden Beobachtungen, die nuancierten Beschreibungen, die stimmige Wiedergabe eines Zeit- und Lebensgefühls angemessen würdigen zu können. Als Familienroman verweist das Buch auf Imbalancen und Zwistigkeiten, echte Abgründe tun sich nicht auf. Das titelgebende Taschentuch ist so sinntragend nun auch wieder nicht, obwohl es leitmotivisch immer wieder in den Text eingeflochten wird. Der realistische Erzählstil wird durch einen humorvollen Zug ergänzt und das so Erzählte zeitgeschichtlich klar verortet, ohne wirklich im Jahr 1990 passieren zu müssen.

Aber so richtig Lust auf weitere Bücher von Brigitte Kronauer habe ich nach der Lektüre ihres Romans »Das Taschentuch« nicht.

 

 

 

 

 

 

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