Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen

Der schmale Text gehört zu den wirkmächtigsten des Autors Ernst Jünger. In ihm macht der hochdekorierte Offizier des Ersten Weltkriegs und literarische Exponent der republikkritischen Rechten seine Distanz zum NS-Regime einem breiten Publikum deutlich. Der in einer mythischen und ahistorischen Sprache gehaltene, gelegentlich zur Künstlichkeit der Bilder neigende Text schildert den langsamen und untergründigen Wandel einer Gesellschaft, ihrer Sitten und Kodizes. Verrohung und Gewalttätigkeit greifen Raum, ein Bodensatz übt unbehelligt von der Obrigkeit Terror. Im Verborgenen gibt es Folter und Tötung von ungenannt bleibenden und prominenten politischen Gegnern.

Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen | Foto: nw2019

Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen | Foto: nw2019

Die autobiographische Grundierung des Textes ist unverkennbar; Lebensstationen und Handlungspräferenzen der Brüder Ernst und Georg Friedrich Jünger kehren in kaum verfremdeter Form wieder und rahmen die Grundhaltung, mit der der Autor der Welt begegnet.

Wenn wir zufrieden sind, genügen unseren Sinnen auch die kargsten Spenden dieser Welt. (S. 17)

Als Geistesaristokrat geht Jünger auf Distanz zu den Mächten, die den ritterlichen Kampf verabscheuen, und Gewalt zu einem alltäglichen Herrschaftsinstrument machen.

Wenn der Mensch den Halt verliert, beginnt die Furcht ihn zu regieren, und in ihren Wirbeln treibt er blind dahin. (S. 28)

Dennoch werden immer wieder, wenn der freie Geist sich Herrschaftssitze gründet, auch die Autochthonen sich ihm zugesellen, wie die Schlange zu den offenen Feuern kriecht. Sie sind die alten Kenner der Macht und sehen eine neue Stunde tagen, die Tyrannis wieder aufzurichten, die seit Anbeginn in ihrem Herzen lebt. (S. 29)

Während Jünger einerseits zu wunderbaren Naturschilderungen neigt – ebenso konkret wie phantastisch –, sind manche seiner Bilder in ein Relief expressiver Künstlichkeit getrieben und transzendieren jede Wirklichkeit. Vieles erscheint als klug erdachte Sentenz, manches ist schlichtweg treffend formuliert.

Gar oft, wenn wir zusammen auf der Zinne standen, bedachten wir, wieviel dazu gehört, bevor das Korn geerntet und das Brot gebacken wird, und wohl auch dazu, daß der Geist in Sicherheit die Flügel regen kann. (S. 35)

An Erio empfand ich den natürlichen Genuß der Vaterschaft so wie den geistigen der Adoption. (S. 21)

Ein Irrtum wird erst dann zum Fehler, wenn man in ihm beharrt. (S. 26)

Das war der Stand der Dinge im siebten Jahr nach Alta Plana, und auf diesen Feldzug führten wir die Übel, die das Land verdüsterten, zurück. (S. 54)

Dreieinig sind das Wort, die Freiheit und der Geist. (S. 67)

So lebt die Glut der Erdensommer in dunklen Kohlenadern nach. (S. 69)

Wir gehen lieber, wenn die Dinge in Ordnung sind. (S. 71)

Eindringlich schildert das Buch die langsame, aber unaufhaltsame Veränderung einer Gesellschaft und ihrer sittlichen Grundlagen bei gleichzeitig zunehmender Gewaltbereitschaft. Glauben und Kulthandlungen verändern sich, verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung und berauschen die Menschen.

Weitaus bedrohlicher erschien der Umstand, daß alle diese Taten, die das Land erregten und nach dem Richter schrien, kaum noch Sühne fanden – ja es kam so, daß man von ihnen nicht mehr laut zu sprechen wagte und daß die Schwäche ganz offensichtlich wurde, in der das Recht sich gegenüber der Anarchie befand. (S. 39)

In diesen Kämpfe, die zu Menschenjagden, Hinterhalten und Mordbrand führten, verloren die Parteien jedes Maß. Bald hatte man den Eindruck, daß sie sich kaum noch als Menschen sahen, und ihre Sprache durchsetzte sich mit Wörtern, die sonst dem Ungeziefer galten, das ausgerottet, vertilgt und ausgeräuchert werden soll. (S. 44)

Es ließen sich noch viele Zeichen nennen, in denen der Niedergang sich äußerte. Sie glichen dem Ausschlag, der erscheint, verschwindet und wiederkehrt. Dazwischen waren auch heitre Tage eingesprengt, in denen alles wie früher schien. (S. 45)

Damit begann der Schrecken ganz und gar zu herrschen und nahm die Maske der Ordnung an. (S. 47)

Was ist angesichts dieser Situation zu tun? 

Wenn wir indessen im Herbarium oder in der Bibliothek die Lage gründlicher besprachen, entschlossen wir uns immer fester, allein durch reine Geistesmacht zu widerstehen. (S. 66)

Hier wurde mir gewiß, woran ich oft gezweifelt hatte: es gibt noch Edle unter uns, in deren Herzen die Kenntnis der großen Ordnung lebte und sich bestätigte. (S. 119f.)

Hier sahen wir die Ernte vieler Arbeitsjahre den Elementen zum Raube fallen, und mit dem Hause sank unser Werk in Staub. Doch dürfen wir auf dieser Erde nicht auf Vollendung rechnen, und glücklich ist der zu preisen, dessen Wille nicht allzu schmerzhaft in seinem Streben lebt. Es wird kein Haus gebaut, kein Plan geschaffen, in welchem nicht der Untergang als Grundstein steht, und nicht in unseren Werken ruht, was unvergänglich in uns lebt. (S. 131)

Bewaffneter Widerstand erweist sich letztendlich als zwecklos, die Schar der Aufrechten und Edlen ist zu klein, verglichen mit der Masse der Überzeugten, der Mitläufer und Profiteure. So bleibt den Brüdern nur der Weg ins Exil.

Als ästhetisierendes Sprachkunstwerk fand das Buch ebenso starken Anklang bei den Zeitgenossen wie es als mutige Äußerung über die Verhältnisse gewertet wurde. Während Goebbels das Buch verbieten und den Autor einsperren lassen wollte, soll Hitler selbst sich für Jünger ausgesprochen haben. Bis 1942 erschien das Buch in mehreren Auflagen, danach wurde im Reich kein Papier mehr zur Verfügung gestellt. Die Wehrmacht ließ das Buch in Frankreich drucken, wo auch eine französische Übersetzung erschien.

Nach dem Krieg fanden Jüngers Buch, sein Gesamtwerk und seine Person wenig Zustimmung. Das Buch wurde als Rechtfertigung des Widerstandsverzichts gelesen, Jünger wurde seine Gefühlskälte angesichts der Vernichtung vorgeworfen und der Ästhetizismus als Mittel zur Verbrämung des Schreckens abgewertet. Außerdem fehle es bei Jünger an einer marxistisch fundierten Faschismustheorie. Hierbei ist der Kritik heimgekehrter Exulanten wie Bertold Brecht oder Thomas Mann mehr Gewicht beizulegen als dem wohlfeilen Mut der nachgeborenen Widerstandskämpfer. 

Das Buch ist kein Aufruf zum Attentat, es ist keine Kampfschrift gegen den Nationalsozialismus und kein Plädoyer für eine liberale Demokratie. Die Zahl solcher Bücher, die 1939 im Reich gedruckt wurden, ist nun einmal auch nicht hoch. »Auf den Marmorklippen« ist ein Roman, eine literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen, politischen und sittlichen Wandel einer Gesellschaft, deren verbrecherischer Charakter klar benannt wird. 

Hier ist mein YouTube-Video zum Buch (Kanal schon abonniert?):

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Eine Antwort zu Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen

  1. soerenheim schreibt:

    Die Marmorklippen sind ein hervorragendes Beispiel, warum man es sich nicht so einfach machen sollte, Autoren, die man politisch Ablehnt, nicht zu lesen.
    1) Ästhetisch ein Hochgenuss
    1.1) Man versteht den Faschismus sehr viel besser, wenn man den Zauber dessen begreift, was Thomas Mann die „unheimliche Nähe von Ästhetizismus und Barbarei“ nannte.
    2 (+1.1), weil nämlich die Ästhetizisten den Faschismus frühzeitig und besser verstanden als dessen Gegner. Die Marmorklippen kristallieren das Vernichtungspotenzial sprachlich und bildlich heraus, als die Linke noch größtenteils den Faschismus als „normale“ Diktatur betrachtete, der „Sozialfaschismusthese“ anhing oder dem Dimitroff („Diktatur der Rückwärtsgewandten Teile d. Kapitals) huldigte.
    Heliopolis ist als Nachfolger nicht ganz so gut, aber eine weitere wichtige Innensicht aus der Feder eines elitären Protofaschisten und Verbündeten des Regimes, dem die Nazis letztlich vor allem zu vulgär waren…
    Auch ästhetisch von der Ideologie zuschande geritten ist dagegen Eumeswill: https://soerenheim.wordpress.com/2017/02/19/ernie-yue-ernst-juengers-mary-sue/

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