Höhenrausch: Deutschland zwischen Bangen und Hoffen

Harald Jähner, Höhenrausch. Das kurze Leben zwischen den Kriegen, 2022, Tb. 2024, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 556 Seiten

Harald Jähner, Höhenrausch | Foto: nw2025

Noch ein Buch über die Weimarer Republik? Ja. Denn Harald Jähner verfolgt in Höhenrausch einen guten Ansatz. Natürlich erzählt er eine bekannte Geschichte, von der wir zudem wissen, wie sie ausgeht. Aber er versucht, dies aus der Perspektive der Zeitgenossen zu tun, die das eben nicht wissen, die Entwicklungen, Themen und Angebote aus der jeweiligen Zeit heraus einschätzen, beurteilen, annehmen oder verwerfen. Dieser Ansatz macht ebenso den Reiz des Buches aus wie seine breite Themenpalette. 

Beim Schreiten durch die Jahre der Weimarer Republik beschränkt sich Jähner nicht auf die politische Geschichte Deutschlands, sondern wirft immer wieder einen genauen Blick auf die Kultur- und Sozialgeschichte des Deutschen Reichs. Es geht also um die Emanzipation und verstärkte Teilhabe beziehungsweise öffentliche Sichtbarkeit von Frauen, es geht um neue Freizeitbetätigungen, um einen gewandelten Kulturbegriff, um neue Körperlichkeit, usw. 

Das Buch vermittelt einen sehr guten Eindruck von der Zeit, es beruht auf einer breiten, sorgfältig recherchierten und ausgewerteten Quellenbasis und stellt für jedermann eine lohnende Lektüre dar. Auch demjenigen, der über die Zeitläufte gut Bescheid weiß, wird das eine oder andere neue Datei nahe gebracht. Der frische Blick ist in jedem Fall die Lektüre wert.

Vierzehn Kapitel werden von Pro- und Epilog gerahmt. Der Prolog reißt sofort die Gegensätze auf, die die damalige Diskussion beherrschen und die Menschen umtreiben: Umbruch und Bewahrung, Masse und Individuum, Pluralismus oder Volksgenossenschaft. Im Epilog widmet Jähner einzelnen Personen, die im Buch erwähnt worden waren, jeweils einen Absatz. Die Schicksale sind vielfältig: Flucht und Exil, KZ und Totschlag, Über- und Weiterleben in Ost oder West. 

Dazwischen passiert unheimlich viel: Demobilisierung, Republik, Gewalt, neue Arbeitswelt, neue Kleidung, neue Architektur, Kultur und Subkultur, Krise und Aufschwung, Risiko und Chance, Depression und Massenarbeitslosigkeit, Terror und Verführung, Intrige und Profitdenken.

Eine klare Leseempfehlung für dieses Buch, das klassische Geschichtsdarstelliungen sinnvoll ergänzt.

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Bedrohliche Zustände

Anne Applebaum, Die Achse der Autokraten, 2024, 206 Seiten (Büchergilde Gutenberg)

Anne Applebaum, Die Achse der Autokraten, 2024 (Büchergilde Gutenberg) | Foto: nw2025

Das Buch der amerikanischen Journalistin Anne Applebaum (*1964), die .mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde (u.a. Pulitzer Preis 2004, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024), beruht auf einer Serie von Artikeln, die sie in den letzten Jahren in der Zeitschrift The Atlantic veröffentlicht hatte.

Es geht um die Zusammenarbeit von Staaten wie Rußland, China, Saudia-Arabien, Iran, Belarus, Syrien, Venezuela oder Simbabwe, ihrer Führer und Regime untereinander, aber auch um ihre Beziehungen zu westlichen Banken, Unternehmern und Politikern.

Dieses Netzwerk stützt dem Machterhalt der Autokraten, der Grundlage ist für die Bereicherung der Herrschenden und ihrer Günstlinge. Die wechselseitige Unterstützung unter Inanspruchnahme westlicher Dienstleistungen aus Wirtschaft sowie Rechts- und Steuerberatung ermöglicht Straflosigkeit und Geldwäsche. All dies verlängert die Ausbeutung und Unterdrückung in den Ländern der Autokraten und schafft Abhängigkeiten von westlichen Politikern und Wirtschaftsführern.

Zudem gehen die Autokraten, die nichts so sehr fürchten wie das Ende ihrer Macht und ihres schönen Lebens, nicht nur gegen Oppositionsbewegungen in den eigenen Ländern vor, sondern sie unterminieren auch erfolgreich demokratisches Bewusstsein und freiheitliches Denken in der westlichen Welt. Dort haben sie Partner in den rechts- und linkspopulistischen Parteien, die zunehmend an Regierungen beteiligt sind und sich selbst ähnlicher Maßnahmen und Strategien bedienen.

Im Zeitalter digitaler Medien und Informationsverbreitung nutzen die Autokraten virtuos die neuen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Wo Joseph Goebbels noch selbst ins Mikrophon blöken oder sich der Figur von „Lord HawHaw“ bedienen mußte, bestehen heute ganz andere, unvergleichlich wirksamere Methoden der Einflussnahme und des Säens von Zweifeln.

Das Buch ist trotz des erkennbaren Bemühens um Solidität mitunter etwas flott geschrieben. Es richtet sich an ein freiheitlich-liberales Publikum, unterscheidet sich ansonsten aber kaum von Schriften, die für eine links-grüne Leserschaft die Bedrohung durch Monsanto und die CIA ausbuchstabieren. Mit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump werden die USA sich zumindest zeitweise nicht länger am Abwehrkampf beteiligen, sondern fröhlich mit den Autokraten kooperieren.

Eine interessante, aber leider auch entmutigende Lektüre mit vielen weiterführenden Quellen.

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Tote werfen lange Schatten

Celia Fremlins Roman Der lange Schatten (2024 übersetzt von Sabine Roth) erschien ursprünglich unter dem Titel The Long Shadow  im Jahr 1975 und  ist ein psychologischer Spannungsroman, der schwarzen Humor mit einem schleichenden Gefühl der Unruhe verbindet.

Foto: nw2025

Die Geschichte handelt von Imogen Barnicott, einer frisch verwitweten Frau, die mit dem arroganten und manipulativen, also allseits beliebten und erfolgreichen Ivor verheiratet war. Nach seinem Tod hofft sie, etwas Frieden zu finden, doch stattdessen wird sie – im übertragenen und vielleicht auch im wörtlichen Sinne – von seinem anhaltenden Einfluss heimgesucht – oder vielleicht sogar von ihm selbst? Seltsame Ereignisse beginnen sie zu verunsichern, während sie darüber nachzudenken anfängt ob sie wirklich frei von Ivors Kontrolle ist. Während sich Paranoia und Spannung aufbauen, behandelt der Roman Themen wie Gaslighting, emotionalen Missbrauch und die langfristigen psychologischen Auswirkungen toxischer Beziehungen. Dies geschieht aber alles nur implizit und ohne erhobenen Zeigefinger. Gremlin traut ihren Lesern erfreulicherweise zu, selbst Schlüsse zu ziehen.

Das vor fünfzig Jahren verfaßte Buch ist erfrischend unkorrekt (und enthält heutzutage folgerichtig eine Triggerwarnung wegen diskriminierender Sprache) und voller beißender Ironie. Die Ehe erscheint einmal mehr als der Ort, in dem sich zwei Menschen das Leben gegenseitig schwer machen. Dies potenziert sich dadurch, daß der verstorbene Ivor dreimal verheiratet war. Das Trauerhaus wird zur temporären Heimstatt einer Patchwork-Familie,  vor deren Heimsuchungen Imogen auch kein Stoßgebet retten kann.

Fremlin, die für ihre subtilen, beunruhigenden Erzählungen bekannt ist, gestaltet „Der lange Schatten“ eher wie einen sich langsam steigernden Psychothriller als einen traditionellen Kriminalroman. Anstatt sich auf ein Verbrechen zu konzentrieren, taucht der Roman tief in die Ängste und Befürchtungen einer Frau ein, die mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität kämpft. Dementsprechend gerät die Auflösung dann eher unspektakulär.

Leseempfehlung!

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Magda zieht um.

Nora Bossong, Reichskanzlerplatz, Suhrkamp 2024, 298 Seiten.

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Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Weltkrieg. Die Ereignisse, die sich hinter diesen drei Schlagworten verbergen, die Fülle an Geschehnissen, an Schicksalen, an Ungeheuerlichkeiten – sie lassen sich selbst in umfangreichen Geschichtsbüchern kaum umfassend darstellen. Ein Roman kann verdichten, auf Einzelschicksale fokussieren, durch Auslassung und Zeitraffung große Bögen schlagen; kurz, einen gewaltigen Stoff handhabbar machen. Dies gelingt Nora Bossong mit diesem Buch.

Wir begleiten den fiktiven Charakter Hans Kesselbach, in dessen Schulklasse 1919 ein neuer Mitschüler kommt, Hellmut Quandt. Dieser wird schnell zum Star der Klasse, auch Hans fühlt sich zu ihm hingezogen, wird in den Kreis aufgenommen und schließlich zum engen Freund. Hans ist homosexuell und muß bald feststellen, daß sein Begehren nicht erwidert wird. Hellmut ist nicht „so einer“, sondern in seine nur wenig ältere Stiefmutter verliebt. Magda Quandt war 1901 unehelich geboren worden und trug später die Namen der Ehemänner ihrer Mutter, Ritschel und Friedländer. 1921 heiratete sie Günter Quandt, noch im gleichen Jahr wurde Sohn Harald geboren.

Die zweite Frau des verwitweten Industriellen Günter Quandt, die sich im goldenen Käfig einsam fühlt, weil ihr Mann immer neue Coups einfädelt, um sein Imperium zu vergrößern, verbringt viel Zeit mit ihrem Stiefsohn und dessen Schulfreund.

1927 stirbt Hellmut Quandt. Hans Kesselbach hat weiter Kontakt zu dessen Mutter, geht viel mit ihr aus, beginnt schließlich eine Affäre mit ihr. Diese endet, als sie Joseph Goebbels kennenlernt und dann dessen Frau wird. Harald Quandt, für den sie nach der Scheidung das Sorgerecht erhalten hatte, wird zu einem blonden und blauäugigen Vorzeigekind.

Dieser persönliche Teil der Erzählung wird durch die politischen Ereignisse überformt, die Bossong zurückhaltend, oft auch nur andeutungsweise, in den Roman einflicht. Der verlorene Erste Weltkrieg, der Versailler Vertrag, gesellschaftliche Umwälzung und Republik, Inflation und Libertinage – vor dieser Folie spielt der Roman, dies dringt in seine Haupt- und Nebenfiguren ein. Hans’ Vater ist ein pensionierter Weltkriegsgeneral, Invalide, später verarmt, mit Hoffnungen auf eine konservative Wende in der Politik und eine neue Chance in der Armee. An ihm buchstabiert die Autorin das Versagen der alten Eliten aus. Günter Quandt erspekuliert sich sein Imperium, verdient am Ersten und später auch am Zweiten Weltkrieg, dient sich den Nationalsozialisten an, schlägt Arisierungsgewinne nicht aus. 

Hans Kesselbach geht zum Militär, studiert Jura, tritt in den Auswärtigen Dienst ein. Magda Goebbels regt die eine oder andere Beförderung an und ihr Mann tut ihr den Gefallen, sich für seinen Vorgänger einzusetzen.

Über Hans schwebt immer die Gefahr, als Homosexueller denunziert und verfolgt zu werden. Soll er eine Scheinehe eingehen? Soll er sich in die Schweiz absetzen? Wird er den Krieg überleben?

Der Roman ist einfach lesbar, der Tonfall mitunter etwas elegisch. Wieso sich Andreas Platthaus stilistisch an Thomas Mann erinnert fand, bleibt sein Geheimnis. Gelungen fand ich Passagen, in denen Bossong das alltägliche Durchwursteln beschreibt, weniger gut jene, die das Innenleben von Hans betreffen.

Lange hatte ich keine Vorstellung vom Tod.

Soll der erste Satz des Romans an Proust erinnern? Die Unschärfe der Erinnerung nimmt einen wichtigen Raum im Roman ein, viele Aktionen von Hans Kesselbach werden gesteuert von Verdrängen und Vergessen. Kann das individuelle Leben geordnet verlaufen, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Kann man in einer fingierten Normalität leben, ohne verrückt zu werden?

Das sei gar kein Buch über Magda Goebbels, haben manche geklagt. Müßte es das sein? Ich finde nicht. 

Bossong hält die Balance zwischen Infotainment und Rührstück, ihr Roman ist keine Abrechnung, aber auch kein Entschuldigungsversuch. Sie läßt uns einen Blick hinter die Kulissen werfen, der uns mehr zeigt, als wir sehen wollen. Auch wenn wir wenig Neues sehen, können wir den Blick nicht abwenden.

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