Dor und der September

Karl Friedrich Borée, Dor und der September, 1930 (Rütten & Loening, Frankfurt), Neuausgabe 2018 (Lilienfeld Verlag, Düsseldorf), 258 Seiten plus 18 Seiten Anhang. Rezensionsexemplar des Verlages.

Karl Friedrich Borée, Dor und der September | Foto: nw2019 #Roman

Karl Friedrich Borée, Dor und der September | Foto: nw2019

Worum geht es?

Ein Mann von vierzig Jahren verliebt sich in eine junge Frau von zwanzig Jahren. Als ehemaliger Weltkriegsteilnehmer und ausgemusteter Marineoffizier hat er keine gefestigte gesellschaftliche und berufliche Stellung und ist trotz des Altersunterschiedes hinreichend „ungesettelt“, um als Gefährte der jungen Frau überhaupt in Betracht zu kommen.

Stil

In bilderreicher, lebendiger und detailfreudiger Sprache erzählt Borée – basierend auf einer autobiographischen Erfahrung – vom Werben des Ich-Erzählers um die junge Frau, von Hoffnungen, Enttäuschungen, stückweisen Erfüllungen und neuen Hoffnungen, von Beglückung und Nachdenken. Das ganze geschieht in einem unverstellt männlichen Duktus, mit offenem Blick auf den Körper und auf das Verhalten der Frau, aber auch mit vielen Selbstzweifeln.

Ich litt. (S. 47)

Von diesem Tag lebte ich wie von einem auf Flaschen gezogenen Glück. (S. 55)

Ich liebte sie so vor mich hin. (S. 64)

Ich hatte Dor hinausgeraubt. (S. 88)

Ob nicht immer nur ich um sie warb? (S. 127)

Der Erzähler schwankt ständig zwischen Begehren und Ritterlichkeit, zwischen Sich-zurückgesetzt-Fühlen und Hoffnung, zwischen Angriff und Rückzug. Unvermittelt brechen einnehmende Naturschilderungen dieses Selbstbezogenheit immer wieder auf.

Der in und um Königsberg spielende Roman ist praktisch losgelöst von den politischen Zeitumständen, die nur als Lebenshintergrund des Erzählers eine Funktion haben. Andererseits ist die Schilderung von Dor ein Hymnus auf die moderne, junge Frau in der Weimarer Republik. Dies trug wohl nicht unerheblich zum Erfolg des Buches bei den Leserinnen bei.

Mein Eindruck

Das finde ich deswegen erstaunlich, weil sie sich zwar in Dialogen äußert, aber die komplette Erzählung aus seiner Perspektive verfaßt ist. Ungeachtet seiner Verliebtheit und der Wertschätzung, die er ihr entgegenbringt, ist Dor doch stets Objekt seiner Betrachtung. Ihr durchaus vorhandener Subjektcharakter spiegelt sich gewissermaßen in den Empfindungen, die ihre Entscheidungen in seiner Männerseele auslösen. In der Venusszene (S. 187f.) etwa ist Dor ganz Objekt des zufälligen und heimlichen Betrachters.

Und sie umschlang den Feind und ließ es sich gefallen, daß er sie in seine Arme faßte. Aber als er die kleine Zitadelle mit Handstreich nehmen wollte, die allein noch widerstanden hatte, fuhr sie jäh zurück und sah ihn mit bitterem Ernst aus groß geöffneten Augen an. (S. 255)

Andererseits spricht der Erzähler aufrichtig von seinem Scheitern beim Werben um Frauen, von der Vergeblichkeit vielfältiger Bemühungen. Für ihn wären Frauen im Erfolgsfalle Trophäen, aber er schildert sie als eigenständige, auf sich gestellte Wesen, ohne Brüder oder Väter.

Unmittelbar an einen berühmten Tagebucheintrag von Thomas Mann erinnerte mich diese Passage:

War es nicht vielleicht nur dies, daß ich ‚es‘ auch einmal erlebt, gehabt haben wollte? (S. 157)

Der Dichter vertraute 1942 seinem Tagebuch folgendes an:

Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.

Wobei hier offenblieb, was tatsächlich geschehen war und worüber Ehefrau und Kinder großzügig hinwegsehen mußten. Während also die Situationen überhaupt nicht vergleichbar sind, ist es die sprachliche Darstellung des eigenen Begehrens doch.

Fazit

Die Erzählwelt des Romans ist klein, die Personenkonstellation extrem verdichtet und es gibt nur ein einziges Thema. Der Erzähler ringt mit sich, seinem halbkeuschen Sichbescheiden, seinem viel weitergehenden Begehren und jener seltsam sprachlosen jungen Frau. Das wiederholt sich wieder und wieder, einen Schritt vor, zwei zurück.

Sprache und Stil sind klar und direkt; insgesamt ist das Buch gut lesbar.

Stark sind die vielfältigen Naturschilderungen, das intensive Erleben der Tageszeiten. Die Verbundenheit mit Wald und Feld, mit Berg und Tal evoziert eine wenig technisierte Welt, in der Züge und Autos zwar gelegentlich vorkommen, aber keine bestimmende oder bedrohliche Rolle spielen. Sie erscheinen eingehegt. Der zurückliegende Krieg, beruflicher Alltag, Studium, das tägliche Einerlei, ja selbst die regelmäßigen Geldsorgen – alles tritt völlig gegenüber dem ja gänzlich unspektakulären Zusammensein in den Hintergrund.

Letztlich hatte ich mehr erwartet und bin etwas enttäuscht. Ziemlich spät, auf S. 208-215 gibt es eine echte, ins Grundsätzlich und Weltanschauliche reichende Auseinandersetzung. Hier öffnet Borée endlich Reflexionsräume und fügt seiner Erzählung eine wesentliche Dimension hinzu. Aber reicht das aus? Ich finde nicht.

 

Hier geht es zur Besprechung des Buches auf meinem YouTube-Kanal: https://youtu.be/nAtxmparwwU

Ich danke dem Verlag für das Überlassen des Rezensionsexemplars.

Eine positivere Besprechung des Buches gibt es bei Sätze & Schätze. Hier erfahren vor allem die Landschafts- und Naturschilderung einen höheren Stellenwert.

 

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Die #Neuland-Debatte. Oder: Es hört doch jeder nur, was er versteht.

Mit diesem Beitrag habe ich heute vor sechs Jahren die Notizhefte eröffnet.

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Die Bundeskanzlerin tritt mit einem Nebensatz eine aufgeregte Debatte in diesem Internet los. Viele regen sich auf, andere rufen die zum Teil selbsternannten Internetprofis zur Selbstreflexion auf, die fröhlich Verachtung über die Regierungschefin äußern und spotten, so würde das nichts, mit der modernen CDU, und den High-Tech-Standort Deutschland gleich mit abschreiben.

Selbst ein Gelegenheitstwitterer wie @sigmargabriel landet einen echten Punch:

Oho, der Herr Gabriel! Aber jenseits solch billigen Surfens auf der Empörungswelle haben sich auch Leute ein paar gute Gedanken zum Thema gemacht:

Gefallen haben mir die unter anderem die folgenden Texte: Zunächst der von Christian, der in seinen Berliner Notizen zu Recht auf den derzeitig stattfindenden Kulturwandel hinweist. Friedemann gibt in einem vieldiskutierten Beitrag offen zu: „Eigentlich wissen wir nichts.“ Auch er konstatiert eine Umbruchsphase. Johannes Kuhn hat in der Süddeutschen…

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Neu begonnen: 5 Bücher

Ein neues Video, in dem ich fünf Bücher vorstelle, die ich gerade neu begonnen habe, zu lesen.

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Wiedergelesen: Die verlorene Partitur

Roberto Cotroneo, Die verlorene Partitur, 1995 (dt. 1997, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber). Ein Roman, in dem es um die alternative Handschrift einer Ballade von Chopin geht.

Roberto Cotroneo, Die verlorene Partitur | Foto: nw2019

Roberto Cotroneo, Die verlorene Partitur | Foto: nw2019

Rückblick

Ich erinnere mich, daß der Roman, den ich 1998 als Geburtstagsgeschenk erhielt, damals im Zuge einer an Umberto Eco anknüpfenden Italien-Renaissance in den Buchläden präsentiert wurde. Meiner Mutter wurde er „bei Vaternahm“ mit dem Hinweis überreicht, das sei bestimmt etwas für mich. Außerdem geht es um Chopin, auch das weiß ich noch. Ansonsten – nichts. Das Wiederlesen läuft mithin auf eine Neuentdeckung heraus.

Der Autor

Im Klappentext von 1998 wird der 1961 geborene Cotroneo als einer der hoffnungsvollsten jungen Autoren Italiens angepriesen. Er war damals bereits seit fünfzehn Jahren als Literaturkritiker tätig und hatte mit dem Roman „Die verlorene Partitur“ sein zweites Buch vorgelegt, nach einem Essayband, in dem er seinem Sohn das Lesen nahelegt. Er hat Philosophie studiert und eine Klavierausbildung absolviert.

Inzwischen hat er weitere Essaybände und Romane vorgelegt.

Inhalt des Buches

Ein alternder Konzertpianist – Vorbild soll Arturo Benedetti Michelangeli sein – erzählt, wie er vor längerer Zeit in den Besitz einer zuvor unbekannten Variante einer Chopin-Ballade gekommen ist. 

Sondern ich muß erzählen, wenn es mir denn gelingt, wie die Entdeckung eines verschollen geglaubten Autographs mein Leben verändert hat. (S. 31)

Ein paar Spionage- und Thrillerelemente würzen eine doch irgendwie fade Geschichte mit NS- und Sowjeteinsprengseln, die eingebettet ist in musiktheoretische und pianistisch-praktische Erwägungen und durchzogen von schier endlosen Selbstbespiegelungen, die sich unter anderem auf das Altwerden beziehen.

Am Ende der vergangenen Erzählperiode begegnet er einer jungen Frau wieder, deren Existenz schon beinahe etwas von einem Phantom angenommen hatte. In der Erzähltest als alter Mann werden noch einmal lange Reflexionen ausgebreitet.

Sprache und Stil

Der Sprachduktus kam mir – insbesondere am Anfang des Buches – „italienisch“ vor: klassisch konstruierte, komplexe Sätze mit Struktur und Schönheit. Leider fehlt für meine Begriffe der Humor, den man etwa bei Umberto Eco finden kann.

Die Hauptperson und Icherzähler ist eine extrem ichbezogene Persönlichkeit und wirkte auf mich eher unsympathisch. 

Es gibt längere kulturpessimistische Passagen, die sich mitunter zu echten Tiraden auswachsen.

Mein Fazit

Das Buch ist ein langer innerer Monolog, der um den Ich-Erzähler, richtiger, in dem der Ich-Erzähler um sich kreist. Alles – die Musik, Instrumente, Bücher, Paris, Frauen, ja selbst Chopin – alles existiert nur in Beziehung zu ihm, so wie er es sieht, fühlt, ausspricht, ignoriert. In gewisser Weise unerträglich aus der Zeit gefallen, aber auch ohne den Reiz des Besonderen. Und das schreibe ich, obwohl es das Buch eines höchst belesenen Autors ist, anspielungsreich und elegant, obwohl es um Musik geht und obwohl es überwiegend in Paris spielt.

Ja! Denn leider läßt mich das Buch müde, erschöpft und ohne echten Zugewinn zurück. Es ist, als schaue man einem Pfau beim Radschlagen zu.

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