Was wäre, wenn?

Matt Haig, The Midnight Library, 2020, 288 Seiten.

Matt Haig, The Midnight Library | Foto: nw2020

Der 1975 geborene britische Bestsellerautor und Journalist veröffentlichte bereits mehrere Sachbücher und Romane, die häufig im Genre der spekulativen Fiktion anzusiedeln sind. Ein wiederkehrendes Thema seiner Veröffentlichungen sind Depressionen, an denen der Autor selbst leidet.

Auch die Hauptfigur von The Midnight Library ist depressiv: Nora Seed ist 35 Jahre alt und blickt auf ein verkorkstes Leben zurück. Als Jugendliche gab sie eine Karriere als Schwimmerin auf, die sie ins Nationalteam geführt hätte, verzichtete darauf in einer Rockband zu singen und kehrte nach dem Bachelor in ihre Heimatstadt zurück, um ihre Mutter zu pflegen, hatte weder Mann noch einen interessanten Job und dann stirbt uh noch ihre Katze. Sie nimmt Schlafmittel, um all dem zu entfliehen.
Das alles passiert auf den ersten 23 Seiten des Buchs.

Danach gelangt sie in die titelgebende Mitternachtsbibliothek, wo sie mit dem >Buch des Bedauerns konfrontiert wird, in dem eine sehr negative Bilanz ihres bisherigen Lebens gezogen wird. Sie erhält das Angebot, jene Schritte, die getan oder unterlassen zu haben, sie bedauert, zu zu gehen oder ungeschehen zu machen und in ihr dann anders verlaufenes Leben zum jetzigen Zeitpunkt einzusteigen.
Das wird gut erzählt. Zunächst ist die fantastische „Dazwischen“-Welt der Mitternachtsbibliothek sehr plausibel geschildert, aber auch die jeweilige Verpflanzung Noras in ihr alternatives Leben wird ebenso einfühlsam wie humorvoll dargestellt, etwa hinsichtlich der Schwierigkeiten, an Namen und bisherige Interaktionen mit den anderen Personen in diesem Leben zu erinnern.

Zentrale Figur neben Nora selbst ist Mrs. Elm, die ehemalige Schulbibliothekarin, die ihr damals Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und an die sie sich gern zurückerinnert. Sie weist Nora in die Mitternachtsbibliothek ein und steht ihr bei den häufigen Besuchen dort zur Seite. Denn nach anfänglichen Enttäuschungen findet Nora Gefallen am Ausprobieren.

You can choose choices but not outcomes. (S. 83)

Nachdem sie akzeptiert hat, daß es um Chancen und nicht um Ergebnisse geht, läßt sie sich auf ganz unterschiedliche Leben ein. Zunächst hatte sie nur nachgeholt, was andere von ihr erwartet hatten, und festgestellt, daß es sie nur zum Teil oder meistens gar nicht glücklich machen konnte. Es war ihr oft nicht möglich, einen Platz in diesem alternativen Leben zu finden, und so kehre sie stets in die Mitternachtsbibliothek zurück.
Denn es stünde in ihrer Macht, dauerhaft in dieses Leben zu schlüpfen, und dann dessen Wendungen und Widrigkeiten ausgeliefert zu sein: Krankheit, Scheidung, Tod eines Kindes, Bankrott, etc. Sollte sie „Verweile doch, du bist so schön“ sagen, würde ihr faustischer Pakt sie in diesen Lebensentwurf bannen, doch sie kehrt immer wieder in die Bibliothek zurück. Dort ergreift sie mit gewachsener Erfahrung andere, vielfältigere Möglichkeiten. Sie tut Dinge, die niemand von ihr erwartet hatte und probiert Neues aus.
Dabei stellt sie fest, daß Personen aus ihrem früheren Leben tot sind oder aber umgekehrt noch leben, Jobs haben oder nicht – und daß das jedesmal anders sein kann. Sie ist mitunter zu intellektuell für dieses Leben, muß sich erst herantasten, auch in die Beziehungen zu anderen Personen.

Das wird von Matt Haig oft lakonisch, oft humorvoll geschildert. In einem ihrer alternativen Leben erfährt sie Glück in einer Ehe und als Mutter – aber am Ende wird sie in ihr ursprüngliches Leben zurückkehren. Mit ausgepumptem Magen, reich an fiktiven Erfahrungen, lebendig und durchaus mit Selbstvertrauen.

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