Das geht vorbei …

Harold Nebenzal, Café Berlin, 1992, dt. 2019 (aus dem Amerikanischen von Gertraude Krüger), 415 Seiten.

Harold Nebenzal, Café Berlin | Foto: nw2020

Harold Nebenzal, Café Berlin | Foto: nw2020

Kurzfassung

Das Buch erzählt, kurz gesagt, wie ein aus Syrien stammender jüdischer Nachtclubbetreiber in Berlin die Nazizeit überlebt. Man füge noch ausreichend Farbig- und Sinnlichkeit hinzu, ergänze um viel Spannung und eine gehörige, aber leicht verdauliche Portion Kulturgeschichte – und heraus kommt ein ganz großartiges Buch.

Zum Inhalt

Daniel Saporta beginnt 1943 auf einem Berliner Dachboden mit seinen Aufzeichnungen. Zu diesem Zeitpunkt hält er sich schon zwei Jahre vor den Nazis versteckt, die bis 1941 gerne und regelmäßig in seinem Nachtclub „Kaukasus“ verkehrten. Diesen Nachtclub hatte er 1929, achtzehnjährig und gerade aus dem Hause seines angesehenen Lehrherrn geflogen, erworben und war im Handumdrehen mit tatkräftiger Unterstützung des Weltkriegsveteranen Lohmann, der sich anfangs in dem Lokal als Türsteher durchschlug, zum Nachtclubkönig der preußischen Metropole aufgestiegen. Bauchtanzende Orientalinnen, russisches Essen und bester Alkohol machen in der Spätphase der Weimarer Republik Sensation, laufen aber auch bis zum Kriegsausbruch sehr gut. Denn Exotik reizt ebenfalls die Parteigenossen und Arier.

Der Ich-Erzähler Saporta hält in seinen Aufzeichnungen die immer trostloser werdende Lage zwischen dem 14. November 1943 und bezeichnenderweise dem 30. April 1945 fest, der Tag, an dem er sein Versteck verläßt. Er blickt dabei zurück in seine Berliner Zeit ab 1928 und ergänzt dies um Rückblenden in sein Leben als Kind und Jugendlicher in Syrien, wo er im Jahre 1911 zur Welt gekommen war. Außerdem enthält das Buch klug eingestreute Passagen über die Geschichte der Juden im Orient und auf dem Balkan und über ihr Schicksal im Dritten Reich sowie in den besetzten und verbündeten Staaten.

Zum Autor

Der Vater von Harold Nebenzahl stammte aus New York City und ging nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zunächst nach England, dann nach Deutschland, wo er Filme wie „Tagebuch einer Verlorenen“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“ produzierte. Sein Sohn Harold wurde im Jahre 1922 geboren; 1933 ging die Familie ins Exil, zunächst nach Frankreich, dann, 1939, in die USA. Harold Nebenzal wurde ebenfalls Filmproduzent und Autor.

Tarnung und Widerstand

Daniel Saporta nimmt in seiner neuen Existenz als Nachtclubbesitzer einen neuen, spanischen Namen und später auch die spanische Staatsangehörigkeit an. Er hängt ein Kruzifix in sein Büro und daneben ein Porträt des Generalissimo Franco. Irgendwann verbrennt er seine Kippa und seinen Gebetsmantel. Von der Politik hält er sich fern, doch immer wieder wird er mit den aktuellen Entwicklungen konfrontiert und muß sein Verhalten anpassen.

Eine ehemalige Reisebekanntschaft, ein Historiker des Pergamonmuseums, bringt Saporta schließlich dazu, sich dem Widerstand anzuschließen und mithilfe seiner Tänzerinnen brisante Informationen zu erlangen. Schließlich schickt er ihn unter dem Vorwand nach Jugoslawien, von den mit den Nazis verbündeten Kroaten gesinnungstreue Attraktionen für seinen Nachtclub zu engagieren. Nach Beteiligung an einer dramatisch geschilderten Widerstands- und Sabotageaktion gelangt er wieder nach Berlin, muß dort dann aber untertauchen, weil die Gestapo auf ihn aufmerksam wird.

Judentum

Saporta ist Orientale, geprägt vom Miteinanderauskommen von Juden, Arabern und Türken. Er erinnert sich an eine Welt, die zwar nicht frei von Konflikten war, aber nicht die scharfen und tödlichen Gegensätze der Gegenwart kannte. Als ihm bewußt wird, was die Kooperation des Großmufti von Jerusalem mit den Nazis für die levantinischen Juden bedeuten wird, ist er bereit, sich an Widerstandsaktivitäten zu beteiligen.
Nebenzal schildert die Zustände in Deutschland aus der Perspektive eines sephardischen Juden aus Syrien. Die doppelte Fremdheit gegenüber den Deutschen und den Aschkenasim ermöglicht der Figur Saporta Beobachtungsperspektiven und eröffnet dem Autor Nebenzal Erzählperspektiven. Als Leser blickt man in einen Spiegel mit exotischem Rahmen und sieht sowohl die Vorfahren durch die NS-Kulisse laufen als auch das heutige Deutschland, wie es mit sich und seinen Einwanderern hadert.

Mein Eindruck

In den letzten Jahren habe ich kein vergleichbar gutes Buch gelesen.

Der Roman ist klug aufgebaut, hat einen spannenden Plot und wird packend erzählt. Saporta, ab Seite 19 ein Geschöpf seiner Lenden, paßt sich an und schlägt sich durch. Er blickt auf manch faulen Kompromiß zurück, muß einiges bereuen, hat Freundschaft erfahren und vor allem: überlebt.

Meine Einschätzung auf YouTube: https://youtu.be/cIIVjVeJMBc

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2 Antworten zu Das geht vorbei …

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich hatte den Roman vor einiger Zeit im Buchladen in der Hand, jetzt ärgere ich mich, dass ich ihn nicht gekauft habe. Aber das lässt sich ja ändern. Vielen Dank für den wunderbaren Lesetipp und viele Grüße

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