Die Kunst des Miteinander-Redens

Bernhard Pörksen / Friedemann Schulz von Thun, Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik, 2020, 214 Seiten plus 9 Seiten Apparat.

Pörksen/Schulz von Thun, Die Kunst des Miteinander-Redens | Foto nw2020

Pörksen/Schulz von Thun, Die Kunst des Miteinander-Redens | Foto nw2020

Überblick

Das Buch bringt die medienwissenschaftliche Perspektive (Pörksen) mit der kommunikationspsychologischen Perspektive (Schulz von Thun) in einen Dialog: Der Hauptteil des Buches besteht aus der Verschriftlichung vieler Gespräche, die die beiden Autoren über Jahre hinweg geführt und schließlich einer straffenden Bearbeitung unterzogen (S. 212) haben. Gerahmt von einer längeren Einführung Pörksens in den „kommunikativen Klimawandel“ und einem deutlich kürzeren, bilanzierenden Nachwort Schulz von Thuns bietet das Buch vier informative Gesprächsblöcke.
Im Ergebnis will und kann das Buch keine „handfesten Lösungen“ (S. 209) bieten, sondern nur das Problembewußtsein schärfen: Das Dilemma stellt eine „Grundform unseres Daseins“ (S. 210) dar und beherrscht auch die meisten Dialog- und Kommunikationssituationen. Ambivalenzen sind allgegenwärtig und Eindeutigkeiten gehören der Vergangenheit an (S. 10f.) – die daraus resultierende Verunsicherung und die Sehnsucht nach Sicherheit eröffnen den politischen und kommunikativen Vereinfachern große Einflußmöglichkeiten.

Kommunikationsstörungen

Polarisierung, Skandalisierung und Desinformation bezeichnen die breiteren Felder der Herausforderung, denen sich ein gelingender Dialog gegenübersieht. Pörksen und Schulz von Thun müssen in ihrem Gespräch mehrere Fragenkomplexe behandeln. Zunächst: Was ist überhaupt ein Dialog? Sicher das Gespräch zwischen zwei gleichzeitig anwesenden Personen, idealerweise auf dieses Gespräch fokussiert und guten Willens. Aber decken sich Idealvorstellung und Realität? Welch Störfaktoren gibt es? Immer wieder scheint der idealistische (und ältere) Schulz von Thun überrascht ob der Einwände und Beispiele, die der realistischere (und jüngere) Pörksen vorbringt.
Das Buch bringt eine Fülle von Stichworten für Kommunikationsstörungen und ihre Ursachen, die die Autoren diskutieren und miteinander in Beziehung setzen. Zwar ist „das Netz das Medium der radikalen Differenzerfahrung“ (S. 28), doch gleichzeitig nimmt die Verabsolutierung der eigenen Position zu, bei gleichzeitigem „Übergang von der Wahrheitsgewissheit zum Unterwerfungebedürfis“ (S. 50). Hier wie an anderer Stelle bietet das Buch den Austausch kluger Gedanken und gelegentlich auch eine anstreichenswerte Formulierung, doch immer wieder konstatieren beide Gesprächspartner eine gewisse Ratlosigkeit.

Dilemma

Dies hängt damit zusammen, daß das Dilemma – wie bereits erwähnt – „eine Grundform unseres Daseins“ (S. 210) ist und sich gerade auch in den kritischen Gesprächssituationen, denen sich die Autoren widmen, entfaltet:

Haben wir ein [lösbares] Problem, oder stecken wir in einem Dilemma? Leider ist bei allen großen Fragen der Gesellschaft, des Lebens und der Kommunikation meistens letzteres der Fall. Das erfordert dann eine andere Art des Nachdenkens und eine Bewusstheit davon, dass es nicht »die« Lösung gibt, die eindeutig richtig ist – wenn es der Gegner doch nur begreifen würde! Sondern in jedem Fall bleibt man dem einen oder anderen angestrebten Wert etwas schuldig. (S. 112)

Wenn sich aber – wie eigentlich regelmäßig – beide Seiten im Recht wähnen und deshalb den „Übergang von der Wahrheitsgewissheit zum Unterwerfungsbedürfnis“ (S. 50) bereits hinter sich haben, gibt es kaum noch einen Ausweg ohne den Preis des Gesichtsverlusts.

Auswege

Die Autoren plädieren für eine Konzentration auf des Gespräch, um ganz bei der Sache sein zu können (S. 116ff.). Man müsse Pluralität zulassen (S. 51) und kompromißorientiert streiten (S. 54ff.). Dabei gelte es, zwischen Verstehen, Verständnis und Einverständnis zu unterscheiden (S. 98ff.). Gerade das sei aber angesichts der oft ungehemmten Eskalationsdynamik immer schwieriger (S. 66ff.).
Sichtbarkeit und Kommunikationsgeschwindigkeit in den sozialen Medien sowie die Vervielfachung der Sendefähigkeit tragen zu einer erhöhten Erregbarkeit und Verletzlichkeit bei. Transparenz sei Fluch und Segen zugleich. Es brauche eine neue Fehlerkultur (S. 147ff.).

Fazit

Insgesamt stehen die Autoren den von ihnen beobachteten Phänomenen mit einer kaum verhüllten Ratlosigkeit gegenüber und es bleibt ihnen nicht viel mehr als ein Appell an Vernunft, Anstand und Gelassenheit. Reflektiertheit und Entschleunigung gelten ihnen als wesentliches Mittel, Spitzen der Erregung zu vermeiden. Ihren Aufklärungsoptimismus (S. 203) wollen sie sich bewahren.

Das Buch ist eingängig und nachvollziehbar geschrieben; man hat die Möglichkeit, dem Gang der Argumente und dem Austausch von Standpunkten beizuwohnen. Das ist interessant und eröffnet durchaus auch lehrreiche Perspektiven, vermag aber kein Patentrezept zu liefern. Zu disparat sind die Kommunikationssituationen, zu verhärtet die Fronten, zu uneinsichtig viele Akteure.

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