Pierre Lemaitre, Die Farben des Feuers

Paris 1927, ein Begräbnis als Momentaufnahme, die Mitglieder der reichen Bourgeoisie, der hohen Politik und der Verwaltung zusammen zeigt, und gleichzeitig in ihrer eingeübten Choreographie durch ein weiteres, unerwartetes Familiendrama empfindlich gestört wird. Das Gleichgewicht ist denn auch von Anfang an verloren, und das Buch bringt immer neue Imbalancen und Unwuchten zur Sprache. Politische und geschäftliche Intrigen lauern hinter jedem Brokatvorhang und jeder hochgehaltenen Zeitung, alle Gespräche dienen dem jeweils eigenen Vorteil. Dunkle Machenschaften führen dazu, daß Madeleine und ihr Sohn Paul ihr Erbe verlieren, den gesellschaftlichen Status einbüßen und aus dem großen Haus ausziehen müssen.

Pierre Lemaitre, Die Farben des Feuers | Foto: nw2019

Pierre Lemaitre, Die Farben des Feuers | Foto: nw2019

Die Gegenseite, der ehemalige Prokurist von Madeleines Vater und ihre Gesellschafterin, triumphieren, und ziehen als Ehepaar in das prunkvolle Stadtpalais. Als Madeleine klar wird, was passiert ist, beginnt ihr Rachefeldzug, der in der schönen Tradition des Grafen von Montechristo steht.

Das gut geschriebene Buch ist glänzend übersetzt und überzeugt durch eine präzise, schnörkellose und geschliffene Sprache. Gesellschaftliche Verhältnisse werden ebenso treffend beschrieben wie geschäftliche Vorgänge, politische Zusammenhänge, journalistische Gepflogenheiten, die Korruption der Dritten Republik und – die Leidenschaft des jungen Paul – Opernmusik. Das Buch kreist um die Themen Gier, Gewalt, Macht und Rachsucht.

Unbarmherzig geht Madeleine Péricourt gegen jeden vor, der ihr und ihrem Sohn Unrecht zugefügt hat. Wirtschaftlicher Ruin, Vernichtung der gesellschaftlichen Existenz, Hochverrratsprozeß, Mordanklage – diese Ziele erreicht sie mit Indiskretionen, Fälschungen, genialen Coups und Bluffs. Unterstützung gewinnt sie, in dem sie andere erpreßt, klassenkämpferische Ressentiments und moralische Empörungen ausnutzt. Ihren Seelenfrieden scheint sie nicht zu finden, aber ein ruhiger Lebensabend ist ihr dennoch vergönnt.

Eine kurzweilige Lektüre, die sich an eine historische Grundkonstellation anlehnt, und die in gekonnter dramatischer Zuspitzung erzählt wird sowie durch Eleganz der Sprache überzeugt. Klare Leseempfehlung!

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