Nietzsche-Notate: Die fröhliche Wissenschaft (2)

„Weil sie wollen, daß ihnen unbedingt vertraut werde, haben sie zuerst nötig, daß sie sich selber unbedingt vertrauen, auf Grund irgendeines letzten indiskutablen und an sich erhabenen Gebotes, als dessen Dienst und Werkzeug sie sich fühlen und ausgeben möchten.“

Nachdem er sich solchermaßen treffend mit dem Moralisieren beschäftigt hat, das Argumente ersetzen soll – und damit eine kluge Definition heutiger Kolumnen gegeben hat –, wendet sich Nietzsche dem Verlust der Würde zu:

„Das Nachdenken ist um all seine Würde der Form gekommen, man hat das Zeremoniell und die feierliche Gebärde des Nachdenkens zum Gespött gemacht und würde einen weisen Mann alten Stils nicht mehr aushalten. Wir denken zu rasch, und unterwegs, und mitten im Gehen, mitten in Geschäften aller Art, selbst wenn wir an das Ernsthafteste denken; wir brauchen wenig Vorbereitung, selbst wenig Stille – es ist als ob wir eine unaufhaltsam rollende Maschine im Kopfe herumtrügen, welche selbst unter den ungünstigsten Umständen noch arbeitet. Ehemals sah man es jedem an, daß er einmal denken wollte – es war wohl die Ausnahme! –, daß er jetzt weiser werden wollte und sich auf einen Gedanken gefasst machte: man zog ein Gesicht dazu wie zu einem Gebet und hielt den Schritten; ja man stand stundenlang auf der Straße still, wenn der Gedanke »kam« – auf einem oder zwei Beinen. So war es »der Sache würdig«!“

Wir Heutigen tragen die „unaufhaltsam rollende Maschine“ nicht im Kopf mit uns herum, sondern halten sie in der Hand. Sie nimmt uns oft das einfachste Denken ab.

Hellsichtig ahnt Nietzsche die Soziologien und den Cultural turn der Geschichtswissenschaft voraus – und charakterisiert sie despektierlich als Beschäftigungstherapie für „ganze Geschlechter und planmäßig zusammenarbeitende Geschlechter von Gelehrten“.

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