Nietzsche-Notate: Die fröhliche Wissenschaft

Wenn man krank war und wieder gesund wird, so hat Nietzsche beobachtet, dann hat man sich verändert. Man sieht die Welt und das Leben anders:

„Oh wie einem nunmehr der Genuß zuwider ist, der grobe, dumpfe, braune Genuß, wie in sonst die Genießenden, unsere ‚Gebildeten‘, unsere Reichen und Regierenden verstehn!. Wie boshaft wir nunmehr dem großen Jahrmarkts-Bumbum zuhören, mit dem sich der ‚gebildete Mensch‘ und Großstädter heute durch Kunst, Buch und Musik zu ‚geistigen Genüssen‘, unter Mithilfe geistiger Getränke, notzüchtigen läßt. Wie uns jetzt der Theaterschrei der Leidenschaft in den Ohren weh tut, wir unsrem Geschmacke der ganze romantische Aufruhr und Sinnen-Wirrwarr, den der gebildete Pöbel liebt, samt seinen Aspirationen nach dem Erhabenen, Gehobenen, Verschrobenen fremd geworden ist! Nein, wenn wir Genesenden überhaupt eine Kunst noch brauchen, so ist es eine andre Kunst – eine spöttische, leichte, flüchtige, göttlich unbehelligte, göttlich künstliche Kunst, welche wie eine helle Flamme in einen unbewölkten Himmel hineinlodert. Vor allem: eine Kunst für Künstler, nur für Künstler!“

Als Lebewesen ist der Mensch ganz Natur und lebt für die Erhaltung der Art, führt Nietzsche zu Beginn seiner »Fröhlichen Wissenschaft« aus. Doch als Mensch brauche er einen geistigen Überbau.

„Alle Ethiken waren zeither bis zu dem Grade töricht und widernatürlich, daß an jeder von ihnen die Menschheit zugrunde gegangen sein würde, falls sie sich der Menschheit bemächtigt hätte.“

Die höhere Natur, erklärt Nietzsche, „ist meistens des Glaubens, nicht ein singuläres Wertmaß in ihrer Idiosynkrasie des Geschmacks zu haben, sie setzt vielmehr ihre Werte und Unwerte als die überhaupt gültigen Werte und Unwerte an, und gerät damit ins Unverständliche und Unpraktische. Es ist sehr selten, daß eine höhere Natur so viel Vernunft übrig behält, um Alltags-Menschen als solche zu verstehen und zu behandeln: zuallermeist glaubt sie an ihre Leidenschaft als die Leidenschaft aller und ist gerade in diesem Glauben voller Glut und Beredsamkeit. Wenn nun solche Ausnahme-Menschen sich selber nicht als Ausnahmen fühlen, wie sollten sie jemals die gemeinen Naturen verstehen und die Regel billig abschätzen können! – und so reden auch sie von der Torheit, Zweckwidrigkeit und Phantasterei der Menschheit, voller Verwunderung, wie toll die Welt laufe und warum sie sich nicht zu dem bekennen wolle, was „ihr nottue“, – Dies ist die ewige Ungerechtigkeit der Edlen.“

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