Dienstagsposting: Zeitempfinden

Foto: nw2015

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Eins aber sei euch unverhalten, ihr Lieben, daß ein Tag vor dem HERRN ist wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein Tag.(2 Petrus 3:8)

Eigentlich ist die Sache klar: der Tag hat 24 Stunden, jede davon sechzig Minuten zu jeweils sechzig Sekunden. Aber jeder weiß, daß das subjektive Zeitempfinden völlig anders sein kann – mal dehnen sich die Stunden und wollen schier kein Ende nehmen, mal vergeht die Zeit wie im Flug. Das hängt mit dem eigenen Lebensalter zusammen, mit der Ereignisfülle oder Leere eines Zeitraums, mit Ablenkung oder Fokussierung.

Aber wie nimmt sich die Kunst des Phänomens an? Einige wenige Beispiele seien erwähnt.

Hugo von Hofmannsthal hat im Libretto zum »Rosenkavalier« gedichtet:

Die Zeit im Grunde, Quinquin, die Zeit, die ändert doch nichts an den Sachen.
Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr.
warm
Oh, Quinquin! Manchmal hör‘ ich sie fließen – unaufhaltsam.
leise
Manchmal steh‘ ich auf mitten in der Nacht und lass die Uhren alle, alle stehn. Allein man muss sich auch vor ihr nicht fürchten. Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters, der uns alle erschaffen hat.

Wer das nicht nur lesen will, sondern auch hören mag, dem sei die nachfolgende – für die Sängerin typische – Interpretation von Elisabeth Schwarzkopf (Verfilmung 1960) empfohlen.

Marcel Proust spürt in seinem Opus magnum der verlorenen Zeit nach und findet die Erinnerung im Duft eines landestypischen Gebäcks wieder. Thomas Mann läßt Hans Castorp die Zeit auf dem Zauberberg losgelöst vom Flachland erleben, der beschäftigungslose Tag unterliegt einem straffen Zeitplan und die Lebenszeit der Patienten geht dahin, findet auch oft ihr jähes Ende. Castorp vertändelt sieben Jahre auf dem Zauberberg, um dann im Matsch der Westfront aus dem Blick zu geraten.

Richard Wagners Oper »Der fliegende Holländer« handelt von einem Verdammten, der keine Ruhe findet:

Die Frist ist um, und abermals verstrichen
sind sieben Jahr‘: – voll Überdruß wirft mich
das Meer ans Land. Ha, Stolzer Ozean!
In kurzer Frist sollst du mich wieder tragen!
Dein Trotz ist beugsam, doch ewig meine Qual.
Das Heil, das auf dem Land ich suche, nie
werd ich es finden! Euch, des Weltmeers Fluten,
bleib‘ ich getreu, bis eure letzte Welle
sich bricht und euer letztes Naß versiegt!

Salvador Dali hat im Jahr 1931 »The Persistence of Memory« gemalt, die zerfließenden Uhren. Das Bild ist im Museum of Modern Art in New York zu sehen.

Die erfüllte Zeit, wenn es sie denn gibt, soll – so auch Goethes Faust – nicht vergehen, sondern „verweilen“, denn wir Menschen finden sie schön, wohl weil sie selten so erlebt und aufgefaßt wird. Und dieses Schöne wollen wir genießen und festhalten…

 

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