Geschichte Europas

Siegmar von Schnurbein (Hrsg.), Atlas der Vorgeschichte. Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt, 3. Aufl. 2014, 242 Seiten.

Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.), Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer um 800, 2014, 423 Seiten.

Die beiden großformatigen Bildbände sind lesenswert und sehr informativ. In weitem kulturgeschichtlichen Bogen verdeutlichen sie, wie stark das heutige Europa von Anfang an in Austauschbeziehungen mit Afrika, dem östlichen Mittelmeerraum und Vorderasien stand.

Die Autorenteams bestehen aus Fachleuten vieler historischer Disziplinen, darunter auch einige mit einer museumspraktischen Ausrichtung. Dies merkt man den bei aller Komplexität und Dichte sehr verständlichen Texten ebenso an wie der gelungenen Bildauswahl und den hilfreichen Illustrationen.

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Fronkreisch, Fronkreisch

Yasmina Reza, Babylon, 2016 Hörbuch 2017 (gelesen von Maren Kroymann)

Amélie Nothomb, Die Kunst, Champagner zu trinken, 2014 Hörbuch 2020 (gelesen von Dana Golombek von Senden)

Champagner, der Eiffelturm und ein gallischer Hahn

Zwei schmale Romane von erfolgreichen französischsprachigen Gegenwartsautorinnen, die mich beide nur zum Teil haben überzeugen können.

In „Babylon“ lädt ein Ehepaar Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und Nachbarn zu einer Party in seine Wohnung ein. Wir erleben die Vorbereitungen und die Geselligkeit selbst mit. Später, die Gäste sind gegangen und die Gastgeber liegen schon im Bett, klingelt ihr Nachbar Jean-Lino, der im selben Haus wohnt und erzählt, er habe gerade seine Frau Lydie getötet, mit der er sich auf dem Fest gestritten hatte. Elisabeth, die Gastgeberin, überzeugt sich zusammen mit ihrem Ehemann von, daß dies zutrifft. Nachdem sie ihren Mann zurück ins Bett geschickt hat, hilft sie ihrem Nachbarn dabei, die Leiche seiner Frau loszuwerden.

Die als Ich-Erzählerin auftretende Autorin Nothomb sucht eine Saufkumpanin und findet sie in der jüngeren Petronie, einer Leserin, die zuvor brieflich mit ihr in Kontakt getreten war. Die junge Frau wird später selbst eine erfolgreiche Autorin. Die beiden Frauen unternehmen einiges zusammen, meist begleitet von einer oder zwei Flaschen Champagner, bis die Geschichte tödlich endet.

Beide Romane sind flüssig und eloquent geschrieben, vermitteln ein schönes „Je ne sais quoi“-Gefühl und werden auch sehr gut gelesen. Aber mehr als spritzige Unterhaltung und perlendes Amüsement waren sie für mich nicht, auch wenn man gelegentlich einen Blick in die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen werfen kann.

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Anne Weber: Luft und Liebe

Anne Weber, Luft und Liebe, 2010, Neuauflage 2023, Berlin: Matthes und Seitz, 189 Seiten.

Anne Weber, Luft und Liebe | nw2023

Die 1964 geborene Autorin, die seit 1983 in Paris lebt und arbeitet, wo sie an der Sorbonne französische Literatur und Komparatistik studierte, ist zugleich Übersetzerin und Schriftstellerin. Sie übersetzte zum Beispiel Romane von Wilhelm Genanzino und Sibylle Lewitscharow ins Französische und von Pierre Michon, Margerite Duras oder Cécile Wajsbrot in Deutsche. Zu den eigenen Veröffentlichungen, die seit 1998 erscheinen, zählen „Ida erfindet das Schießpulver“, „Gold im Mund“, „Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch“ und „Annette, ein Heldinnenepos“. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, so erhielt sie im Jahr 2020 den Deutschen Buchpreis für „Annette, ein Heldinnenepos“, im Jahr 2004 den Heimito von Doderer-Literaturpreis sowie mehrere Übersetzerpreise.

„Luft und Liebe“ – auf Französisch: „Tous des voeux“ – erschien im Jahr 2010; es ist ihr sechster Roman. Die gut 180 Seiten sind in dieser Ausgabe locker und groß bedruckt, weshalb sich der Textumfang gut bewältigen läßt. Dazu trägt aber vor allem der flüssige Stil und die trotz einer gebrochenen Erzählstruktur vorwärtsdrängende Entwicklung bei.

Worum geht es?

Eine Autorin schreibt in verfremdeter Form eine Liebesgeschichte auf, die sie selbst erlebt hat, ist mit dem Ergebnis unzufrieden, weshalb sie sie ein weiteres Mal erzählt, dabei auf die Verfremdung verzichtet, aber die alte und neue Erzählung immer wieder miteinander verflicht. Auf diese Weise erzählt das Buch nicht nur eine Geschichte doppelt, sondern thematisiert – indem diese Geschichten erzählt werden – Möglichkeiten und Grenzen des autofiktionalen Schreibens. Die Ich-Erzählerin tritt abwechselnd, mitunter auch gleichzeitig, als handelnde und als schreibende Person auf.

Lange bleibt unklar, was genau passiert ist, da die beiden Erzählebenen und die permanente Verfremdung den Erzählfluß immer wieder ins Stocken bringen. Die Verwendung des Begriffs Ritter für den Liebhaber der Frau verweist ebenso wie das verwunschene Schloß ins Märchenhafte, düstere Vorausweisungen deuten auf Gefahr hin. Am Ende ist es eine banale Geschichte über das Betrogenwerden.

Die Ich-Erzählerin und ihr Alter Ego namens Léa gehen zunächst eine kurze Ehe mit Vladimir Mikoyan ein, bevor der verarmte Adelige Enguerrand in ihr Leben tritt. Mit diesem entwickelt sich eine intensive Beziehung inklusive Heiratsabsicht und Kinderwunsch, Konflikt- und Frustrationspotential eingeschlossen.

Zum Stil:

Das Buch ist auf gehobenem sprachlichen Niveau flüssig geschrieben, oft von großer Leichtigkeit und Eleganz. Dies gilt selbst für die zahlreich eingesetzten Verfremdungseffekte: Die versuchte Camouflage wird enttarnt, die Autorin und die Figuren, die sie von sich abgespalten hat, treten in stete Zwiesprache, die Unzuverlässigkeit der Erzählerin wird betont und die Balance zwischen tatsächlich Geschehenem, erwünscht gewesenen Möglichkeiten und verpaßten Chancen immer wieder neu justiert. Die Erzählstruktur wird aufgebrochen, aber nicht unterbrochen – und die Verfremdung ist auffällig, mitunter gar penetrant (S. 99!), aber dennoch aufs Ganze gesehen nicht störend – erstaunlicherweise!

Das Frauenbild der Literaturgattung Märchen wird kritisiert, und insgesamt liegen die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen den verschiedenen Ich-Ausprägungen der Autorin auf der Seele. Gleichzeitig wird eine Rivalin auf ein Art und Weise beschrieben, wie man das heute wohl kaum noch schreiben würde (S. 140). Daß die Tragödie mehrmals zur Farce wird, nimmt ihr nichts an Schärfe – im Gegenteil.

Interessant und treffend sind immer wieder Passagen über die Erinnerung, so zum Beispiel diese:

Es gibt ein Schwindelgefühl, ja, ein Grauen, das den Zurückblickenden, den Sich-Erinnernden erfaßt, wenn er die Vergangenheit, wie sie in seinem Gedächtnis geblieben ist, mit seinem gegenwärtigen Wissen über das, was noch kommen würde, konfrontiert – über das, was noch kommen würde, wovon nichts zu erahnen war, oder vielleicht doch? und was dann tatsächlich auch gekommen ist. Es ist das gleiche Schwindelgefühl, das einen überkommt, wenn man sich zu vergegenwärtigen versucht, womit ein Mensch beschäftigt war, welche Sorgen er hatte, bevor er bei einem Erdbeben, durch ein plötzliches Herzversagen, durch ein herantrauendes Auto zu Tode kam. Uns schaudert bei diesem Gedanken, weil wir erfahren müssen, daß die Vergangenheit, unsere persönliche Vergangenheit nicht ein für allemal vergangen, unveränderlich und wie in Bronze gegossen ist, sondern jederzeit von den Erkenntnissen der Gegenwart in ein völlig anderes, ungeahntes, erschreckendes Licht gerückt werden kann. Die Gegenwart macht uns die Vergangenheit suspekt. (S. 51)

Es beginnt die tyrannische, über mehrere Monate währende Herrschaft der Einzelheiten, die sich eine nach der anderen aus der Tiefe ihres Bewußtseins lösen und an die Oberfläche kommen, Erinnerungen, gewichtige und unscheinbare, kleine, die nicht damit gerechnet hatten, noch einmal hervorgekramt und in ein neues Licht gerückt zu werden. (S. 149)

Es gibt viele ausdrückliche Referenzen auf Autoren und Werke, es gibt Bilder, die die Autorin gesehen und Sätze, die sie gelesen hat, und die ihr beim Erleben beziehungsweise Schreiben ihrer Geschichte einfallen und zum Aufhänger für einen Absatz werden. Wieviel am Leben ist konstruiert, was ist Geworfensein? Diese Frage hat sich mir beim Lesen mehrfach gestellt.

Mein Fazit:

Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander, wußte schon Loriot. Der vorliegende Roman unterstreicht das, bietet aber auch eine Verarbeitungsstrategie für betroffene Frauen an. Letztlich handelt es sich um eine banale Geschichte, die frei nach Heine immer wieder neu ist und Herzen entzwei bricht, aber hier durch ein intellektuelles Glasperlenspiel über das autofiktionale Schreiben überhöht und durch feministische Töne gefärbt wird – ohne daß sich dies für mich auszahlt.

[E]s ist eine Geschichte, in der die fruchtbarsten mit den furchtbarsten Tagen zusammenfallen. (S. 161)

Insgesamt gibt es nur drei von fünf Sternen, weil die Autorin aus meiner Sicht viel Potential verschenkt hat.

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Exilorte

Eva Weissweiler, Villa Verde oder das Hotel in San Remo. Das italienische Exil der Familie Benjamin, 2022, 286 Seiten.

Thomas Blubacher, Weimar unter Palmen – Pacific Palisaden. Die Erfindung Hollywoods und das Erbe des Exils, 2022, 272 Seiten.

Europa im Zeitalter des Faschismus: Unsicherheit und Gefahr dringt in das Leben vieler Menschen ein, ob sie den Regimen in Deutschland, Italien und Spanien nun kritisch gegenüberstehen oder nicht, ob sie Kunst machen, die den Vorstellungen der Faschisten nicht entspricht, oder ob sie einfach Juden sind beziehungsweise in den Augen insbesondere der deutschen Nationalsozialisten als jüdisch gelten – sie alle erfahren Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung. 

Mit ihrem Buch beleuchtet Eva Weissweiler einen Ausschnitt dieser großen und bedrückenden Gesamtsituation, die sich zwischen 1933 und 1938 immer bedrohlicher entwickelt. Dora Sophie Kellner (1890-…) war von 1917 bis 1930 mit dem Autor Walter Benjamin verheiratet gewesen. Sie hatte in der Weimarer Republik erfolgreich als Journalistin und Übersetzerin gearbeitet und verließ das Land kurz nach der Machtergreifung. Sie erwarb ein Hotel in San Remo, das sie zwischen 1934 und 1940 führte, und in dem während dieser Zeit Künstler und Intellektuelle teil sorgenvolle, aber auch unbeschwerte Tage verbrachten und bei günstigen Preisen die Vorzüge der italienischen Riviera genossen.

Die Autorin zeichnet das Leben von Dora Kellner, ihrem Ex-Mann Walter Benjamin und dem gemeinsamen Sohn Stefan während dieser Zeit nach, geht aber auch auf andere Mitglieder der Familie sowie mehr oder weniger bekannte Gäste des „Villa Verde“ genannten Hotels ebenso ein wie auf dessen Geschichte.

Das detailreiche Buch ist flüssig geschrieben, stützt sich auf zahlreiche Quellen und macht die damalige Zeit mit ihren Sorgen und Nöten anschaulich, bleibt aber natürlich auf Distanz zu den Vorgängen im Reich und später, während des Krieges, zu den besetzten Gebieten. Ahnungslosigkeit steht so neben den allerschlimmsten Befürchtungen und einem gewissen Aufatmen der noch einmal – oder jedenfalls vorerst – Davongekommenen.

Das Politische steht neben dem Persönlichen, Klatsch neben Naturbetrachtung. Dadurch ist das Buch sehr zugänglich, die Personenzeichnung sehr menschlich. Weissweiler bietet keine akademische Analyse der Emigration, sondern eine gelungene Veranschaulichung von Lebensbedingungen einer im Vergleich mit anderen Betroffenen privilegierten Gruppe, die aber wie alle anderen auch, wahllos von Schicksalsschlägen getroffen wird. 

Das andere Buch hingegen setzt später ein und legt den Fokus auf das amerikanische Exil, konkreter im kalifornischen Pacific Palisades. Auch dorthin schafft es nur ein kleiner Teil der Emigranten, nach verschiedenen Stationen in Europa und den USA. Allerdings gab es in der gesamten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Zuwanderung jüdischer Menschen aus Europa in den Großraum Los Angeles, so daß die durch die Nationalsozialisten Vertriebenen Anlaufpunkte hatten.

Thomas Blubacher steigt gut ein, so daß ich spontan notiere: „Wohltuend anders als das unsägliche Buch von Platthaus!“, als er beschreibt, wie er ankommt und Gespräche führt. Dann geht er zurück und führt aus, wie Pacific Palisades gegründet wird und sich im Lauf der Zeit – auch durch die Einwanderung aus Deutschland in den 1920er Jahren – entwickelt, bis nach der Machtergreifung Hitlers eine neue Welle der Einwanderung einsetzt. Und so wird das „Weimar unter Palmen“ bereits während der Weimarer Republik mit Künstlern aus Deutschland und Österreich angereichert, der Stummfilm bietet ihnen internationale Karrieremöglichkeiten, die der Tonfilm dann für viele brutal unterbricht. Während die Einwanderer der ersten Wellen überwiegend freiwillig in die USA gehen, um im sich etablierenden Hollywood Karriere zu machen, sind die Künstler des Exils Flüchtlinge, ist Amerika nicht der Sehnsuchtsort.

Leider klingt das nur an, denn Blubacher verfällt in einen ermüdenden Berichtsstil, für den zwei Beispiele ausreichen mögen:

Die Tochs, bei denen auch Lillys Mutter, Ernsts Schwester, seine Cousine und deren Tochter lebten, entschlossen sich, ein geräumigeres Haus in der Franklin Street 811 in Santa Monica errichten zu lassen, finanziert durch ein Darlehen der Federal Housing Authority, das 82 Prozent der Gesamtkosten deckte. (S. 115)

Der amerikanische Schriftsteller David S. Malcomson hatte sich 1928 in Pacific Palisades angesiedelt, erst in der Mount Holyoke Avenue 533, dann in der Rüstig Road 544, und sich 1936 von Richard Neutra ein Gästehaus in der Mesa Road 491 errichten lassen (S. 124)

Das Buch ist eine Fleißarbeit, die viel beschreibt, mit guten Zitaten glänzen kann, aber auch unendlich viel Talmi, vulgo Klatschgeschichten, aufwartet. Pointierte Zusammenhangsdarstellungen werden nur gelegentlich angedeutet, Analysen finden sich kaum.

Zwei Bücher zum wichtigen Thema Exil, von denen ich nur eines empfehlen kann.

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