Ein Frauenleben im 20. Jahrhundert

Victor Margueritte, La Garçonne, 1922, dt. 1923 (aus dem Französischen von Joseph Shapiro, neu bearbeitet von Sophia Sonntag), 2020, 285 Seiten.

Victor Margueritte, La Garçonne | Foto: nw2020

Zum Autor

Der im Jahre 1866 geborene Autor, seit 1914 Mitglied der Ehrenlegion, trat zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Pazifist und engagierter Verfechter der Gleichberechtigung von Frauen hervor. „La Garçonne“ war der Auftaktband einer Trilogie, die sich in der ersten Hälfte der 1920er Jahre erneut diesem Thema widmete und für einen ungeheuren Skandal sorgte, in dessen Folge Margueritte die Mitgliedschaft in der Ehrenlegion aberkannt wurde. Der Autor schrieb selbst eine Bühnenfassung, die 1926 uraufgeführt und später zweimal mit Ikonen des französischen Kinos verfilmt wurde.

Kurze Inhaltsangabe

Wir begleiten eine Frau, die als junge Verlobte gegen die Doppelmoral ihrer gesellschaftlichen Klasse revoltiert, beim Bruch mit ihrer Familie, durch Phasen von Orientierung und Selbstfindung, beruflichen Erfolgs, sexueller Libertinage, Drogensucht, durch toxische Beziehungen bis hin zu einem Happy End.

Themen

Obwohl der Roman nicht umfangreich ist, spricht er viele Themen an. Von der sinnentleerten Vergnügungssucht, bei der um jeden Preis der gesellschaftliche Schein zu wahren ist, die den Weltkrieg überdauert hat, bis zu den Aufbruchsmöglichkeiten der neuen Zeit: Selbständigkeit in jeder Hinsicht, Möglichkeits- und Experimentierräume aller Art. Selbstachtung, Selbstaufgabe, Selbstekel auf der einen Seite, die soziale Frage und Kriegsgewinnlertum auf der anderen Seite. Die Rolle der Frau, ihre Stellung in Ehe und Gesellschaft, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen – Margueritte bringt vieles unter. Manches klingt nur an, vieles bekommt mehr Raum eingeräumt.

Stil und Leseeindruck

Dieses Buch hat den europäischen Kontinent überschwemmt und den südamerikanischen erobert, es liegt auf den Nachttischen der Junggesellen und wird unter den Kopfkissen der Damen verborgen und ist überall.

Diese Zitat von Kurt Tucholsky ziert die hintere Umschlagseite. Die ersten siebzig Seiten, also immerhin rund ein Viertel des Buches, habe ich mich gefragt, worauf diese Einschätzung gründet. Denn die Geschichte ist zwar gut erzählt, aber bis dahin entsetzlich konventionell. Als diese lange Exposition endet, die Illusionen ebenso zerplatzt sind wie Moniques Verlobung, da stürzen Handlung und Protagonisten Hals über Kopf in einen wahren Strudel von Ereignissen und Verhaltensweisen.

Margueritte kann Szenen und Stimmungen sehr gut einfangen:

Das erst vor Kurzem eingeweihte Cosmo-Theater mit seinem ansteigenden Parkett und den offenen Balkonlogen, das hauptsächlich der Aufführung von internationalen Operetten diente, erstrahlte in vollem Glanz. Weihnachtsgalavorstellung und zugleich Premiere mit Alex Marly als Menelaus. Die Herren im Frack, die Damen in tiefausgeschnittenen Roben. Und auf dem blühenden Teint der Jugend wie auf der überreifen Haut der Älteren – Perlenregen und Diamententau. Die reizlosesten Körper wie die bestgebauten präsentierten sich von der Achsel bis zur Hüftlinie in tief ausgeschnittenen duftigen Kleidern. Man hätte glauben können, auf einem Sklavenmarkt böten sich all diese Reize den erfahrenen Blicken der Liebhaber und Händler feil. Sie prüften abschätzig die Rundungen der Körper, die freudig entblößten Arme, die Brüste, die unverhohlen dargeboten wurden. Die festlichen Frisuren von Blauschwarz bis Weißblond, die stark geschminkten und zurechtgemachten Gesichter, die aussahen wie bemalte Masken. Und all das bewegte sich, blitzte, plapperte, und in der schwülen Hitze entströmte der illustren Gesellschaft zugleich mit dem starken Duft der verschiedenen Parfums ein durchdringender Geruch nach menschlichen Ausdünstungen. (S. 63f.)

Und in der Tradition von Zolas „Thérèse Raquin“, wo der immerhin einvernehmliche Ehebruch in dem Satz „L’acte fut silencieux et brutal“ gipfelt, wird Margueritte explizit:

Die Küsse des Mannes, die erst sanft und erfahren gewesen waren, wurden heftiger. Und als sie ihm in widerstrebender Scheu die Lippen entzog, verlor er die Beherrschung. Der Instinkt peitschte ihn. Den Kopf in ihr Haar gewühlt, sah er nicht die schweren Tränen, die über das gemarterte Gesicht strömten. (S. 82)

Wie oft hatte schon ein Streit zwischen ihnen damit geendet, dass sie umschlungen auf das Bett niederfielen. Aber heute sagte Monique traurig:
„Nein, Regie, nein! Heute Abend musst du mich in Ruhe lassen. Du hast ein Band zwischen uns zerrissen … Morgen …Wenn wir ruhiger geworden sind, wenn du …“
Aber da nahm er sie mit Gewalt. Sie fiel nieder, während sie sich noch wehrte.“ (S. 231)

Dazwischen liegen Ausschweifungen und Grenzüberschreitungen. Monique wird erst des in vollen Zügen genossenen Taumels der Lust überdrüssig, dann ergibt sie sich dem Dämmerschlaf der Drogen, schließlich findet sie eine Liebe, die von ihrer Vergangenheit überschattet wird. Doch in einer klimaktischen Situation wird der tragische Knoten gelöst, und der Weg ist frei für ein Happy End. Nachdem sich Desillusionierungen und Momente der Erfüllung in immer schnellerem Tempo ablösen, erscheint es mir reichlich unangemessen, daß diese Abwärtsspirale derart kitschig beendet wird und sich ein glücklicher Ausgang findet. Dies mag der Anlage als Trilogie geschuldet sein, kam für mich aber reichlich unerwartet.

Fazit

Anders als in Karl Friedrich Borées „Dor“ fokussiert der Autor hier auf die Frauenfigur, aber schreibt durchgängig aus einer genuin männlichen Perspektive. Margueritte zeigt Empathie, aber Monique bleibt doch Objekt seiner Betrachtung.

Das Buch ist in einem gut lesbaren Stil geschrieben. Schilderungen gelingen, Stimmungen werden eingefangen und die Dialoge sind lebensnah.

Insgesamt eine interessante Lektüre, die ein besonderes Schlaglicht auf jene Zeit wirft. Die Zeitgenossenschaft des Autors verbürgt Authentizität; das Buch ist – anders als Irène Frains großartiger Roman „Die Paradiesvögel“ (im Original „Modern Style“) – kein historischer Roman.

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