Deutschland aus jüdischer Sicht

Shulamith Volkov, Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 2022 (aus dem Englischen von Ulla Höber), 336 Seiten.

Volkov, Deutschland aus jüdischer Sicht | Foto: nw2024

Volkov wurde 1942 in Tel Aviv geboren, die Familie der Mutter stammte aus Rußland und war 1912 nach Palästina ausgewandert, der Vater floh 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland. Nach dem Studium der Geschichte in Jerusalem und Berkeley war sie ab 1972 Professorin in Tel Aviv.

Einleitend führt die Autorin aus: 

Die Geschichte der in Deutschland lebenden Juden kann sowohl als ein Kapitel der jüdischen Geschichte als auch als eines der deutschen Geschichte geschrieben werden. (S. 7) Das Buch schlägt vor, eine neue Perspektive auf die deutsche Geschichte einzunehmen, nun aus jüdischer Sicht. (S. 14) Das Buch bietet keine vollständige, detaillierte deutsche Geschichte an. (S. 16)

Aufbau und Inhalt

Dementsprechend wird die deutsche Geschichte zwischen 1780 und 2015 in vier Kapiteln anhand ausgewählter Personen, Ereignisse und Strukturen beschrieben. 

Das erste Kapitel heißt „Deutschland kennenlernen“ und umfaßt die Jahre 1780-1840. Hier geht Volkov der Frage nach, ob die Moderne erst mit der Französischen Revolution oder bereits mit der Aufklärung beginnt. Deren Einordnung habe sich nach dem Holocaust verändert (Adorno / Horkheimer), als man die Konsequenz ihrer Radikalität erkannte. Demgegenüber seien die deutsche und die jüdische Aufklärung zaghafter gewesen, denn wie Immanuel Kant habe auch Moses Mendelssohn das Ancien Regime nicht abschaffen wollen: 

Sie strebten nach einer Aufklärung, die nicht zu weit ging, und nach einem Gebrauch der Vernunft, der die bestehende Ordnung nicht gefährdete. (S. 27)

Nach der Französischen Revolution und Napoleon Bonaparte sei das aber nicht mehr möglich gewesen. Für die deutschen Juden sei es nun darum gegangen, die Errungenschaften der napoleonischen Ära zu retten. Dies sei in einem Klima der Aufklärung ohne Toleranz schwierig geworden. Gegenläufige Entwicklungen und enttäuschte Erwartungen in der Vormärzära beförderten den Antisemitismus auf der einen und die Etablierung einer jüdischen Gegenkultur als Antwort auf Ausschluß bzw. ausbleibende Zulassung zur bürgerlichen Kultur auf der anderen Seite.

Unter der Überschrift „Freiheit und Einheit“ wird im zweiten Kapitel die Zeit von 1840 bis 1870 behandelt. Interessant an dieser entscheidenden Phase ist die weitverbreitete antijüdische Stimmung, die das Handeln demokratisch (mit-)bestimmter Politik leitet. Allgemein wird Integration deutscher- wie jüdischerseits so verstanden, daß sie mit der Aufgabe des Jüdischseins einhergeht.

Deutlich wird eine Vielfalt von Konfliktfeldern und Argumentationslinien in einem langandauernden und keineswegs geradlinigen Prozeß der Modernisierung, Urbanisierung und Industrialisierung, in dem vormoderne Prägekräfte an Bedeutung verlieren. Außerdem löst die gegenüber früheren Zeiten höhere geographische Mobilität bestehende Bindungen. Dadurch wird es auch für Juden leichter, eine nationale Identität zu entwickeln und sich als Deutsche zu fühlen. Allerdings war das Deutsche Reich (ohne Österreich) gerade für Juden zunächst nur eine schwer vorstellbare „imagined community“ (S. 140ff.). 

Das nächste, „Leben in Deutschland“ betitelte Kapitel behandelt die Jahre von 1870 bis 1930 und befaßt sich mit der Lage der Juden im deutschen Nationalstaat. Prägende Gestalten zunächst der Kaiserzeit waren Otto von Bismarck und Wilhelm II. Volkov stellt den preußischen Monarchisten Bismarck als Hersteller der Reichseinheit durch Krieg und Wahrung der Reichseinheit durch Ausgrenzung von Reichsfeinden dar. Der preußische Monarch, der nach der kurzen Regentschaft seines Vaters 1888 den Thron bestieg und einer Ära seinen Namen gab, war Verkörperung der Reichsidee. Anders als Bismarck war Wilhelm Antisemit – eine Bewegung und Ideologie, die nach der Reichsgründung zugenommen hatte. 

Antisemitismus im neugegründeten Kaiserreich kam zunächst aus den unteren Schichten, wurde nach dem Gründerkrach mit Kapitalismuskritik verbunden. Dann Hofprediger Adolf Stöcker und Historiker Heinrich von Treitschke als konservative Vertreter antisemitischer Erzählungen: „Die Juden sind unser Unglück“ (Treitschke, 1878). Versuch, die Brüche der einsetzenden Moderne zu verarbeiten? Gleichzeitig gesicherte Stellung der Juden im Gesetzesstaat Deutschland, sodaß sie vom Ausmaß des Antisemitismus überrascht wurden (S. 150ff.). Der aufkommende Rassebegriff führte zu weiteren, wirkmächtigen Veröffentlichungen, u.a. von  Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain. Letzterer beeinflußte als Schwiegersohn von Richard Wagner über den Bayreuther Kreis weite Teile des deutschen Bürgertums.

Die lagerübergreifend geteilte Homogenitätsidee (S. 160) zwingt Juden einerseits dazu, mit dem Antisemitismus zu leben, bewirkt andererseits ein Leben in getrennten Sozialsphären. Im europäischen Vergleich herrschte aber in Deutschland die bessere Lage (S. 164ff.), die russischen Progrome und Dreyfus-Affäre wurden als Schock erlebt. Volkov fragt, ob die Juden in Deutschland nicht einer Selbsttäuschung unterlagen und die rassistische Kolonialpolitik und Gewalt in Deutsch-Südwestafrika als Menetekel hätten wahrnehmen müssen. (S. 171)

Die Moderne war weiterhin erfolgversprechend. Es war eine Epoche der großen Errungenschaften und zugleich einer realitätsfernen Selbstzufriedenheit. (S. 175)

Dem Zuschnitt des Buches entsprechend geht es dann etwas holprig zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs; hier wirft die Autorin die Frage auf, wie weitreichend der in Augusterlebnis, Burgfrieden und Union sacrée beschworene Enthusiasmus tatsächlich war. Schloß die in der Ausnahmesituation geschmiedete Nation die Juden ein? Zwar organisierte Walther Rathenau die Kriegswirtschaft (S. 181), aber die 1916 durchgeführte „Judenzählung“ wurde als demütigend und ausgrenzend empfunden.

Volkov beschreibt, wie die Mehrheit der deutschen Juden im Verlauf des Krieges auf Distanz zum Kaiserreich ging, sich politische Reformen erhoffte und schließlich zu Befürwortern der Weimarer Republik wurde. Ihre neue politische Heimat fanden sie dann in der SPD. Derweil wurde die Schuld für den verlorenen Krieg auch den Juden angelastet. Da in der neuen Sowjetunion viele Juden bei den Bolschewisten aktiv waren, war der Schritt zur jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung nur klein. Dolchstoßlegende und die „Protokolle der Weisen von Zion“ (1921) taten ein übriges, um den Judenhaß der Zwischenkriegszeit auf eine neue Stufe zu heben. (S. 193ff.)

Die Republik ermöglichte einen Neuanfang für alle. (S. 197)

Volkov sieht in der Republik eine allzu kurze Phase, dominiert von Gewalt. Gleichzeitig blühte das kulturelle Leben auf, wobei sie zu Recht betont, daß an Aufbrüche und Vorläufer aus der Vorkriegsepoche angeknüpft wurde. Juden trugen zu diesen Entwicklungen bei und profitierten auch davon.

Das folgende Kapitel ist mit „Eine verlorene Heimat“ betitelt und umfaßt in stark geraffter Darstellung die Jahre von 1930 bis 2000. Dieser Teil schildert die Maßnahmen der Regierung Hitler und die fassungslose Reaktion darauf. Die zunehmende Entrechtung nach dem Anschluß Österreichs und die während des Krieges durchgeführte Vernichtung werden nur skizziert, Volkov nimmt dann die Aufarbeitung in Nachkriegsdeutschland in den Blick; hier lieft ein Fokus auf den Anstrengungen, die Fritz Bauer unternahm, und den Widerständen dagegen. Die achtziger Jahre in Westdeutschland, die Wiedervereinigung, Sorgen und neue Hoffnung bilden den Abschluß des Buches.

Bewertung

Ein Buch dieses Umfangs kann das umfangreiche Thema natürlich nur in Ausschnitten behandeln. Die gewählte Perspektive erlaubt deutschen Lesern einen anderen Blick auf die eigene Geschichte, wobei Personen, Strukturen und Ereignisse hervorgehoben werden, die üblicherweise nicht im Zentrum stehen – aber auch nicht generell unerwähnt bleiben.

An einigen Stellen drängt sich der Vergleich zu den heute in Deutschland lebenden Muslimen in ihrer wahrgenommenen und tatsächlichen Andersartigkeit auf, ebenso hinsichtlich der Vergeblichkeit von Integrationsbemühungen.

Das Buch liefert interessierten Lesern auch keine neuen Ergebnisse und Erkenntnisse, vielmehr ergänzt es ein Bild, macht die Farben intensiver und hebt manche Konturen hervor. 

Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Geschichte abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..