Schwierige Paarbeziehung

Julia Schoch, Das Liebespaar des Jahrhunderts, 2023, 193 Seiten.

Buchcover | Verlagswebseite

Im Grunde ist es ganz einfach: Ich verlasse dich.
Drei Wörter, die jeder Mensch begreift. Es genügen drei Wörter, und alles ist getan. Man muss sie bloß aussprechen. Ich bin erstaunt, dass das so einfach ist. Und noch etwas erstaunt mich: Der Satz ist genauso kurz wie der, den ich am Anfang unserer Geschichte gesagt habe.
Am Anfang habe ich zu dir gesagt: Ich liebe dich. (S. 7)

Damit ist der Ton gesetzt und gleichzeitig auch die ganze Geschichte erzählt. Was noch kommt, ist Variation und Ausschmückung. Ist ein Suchen, ist die Suche. Die Suche nach dem Moment, in dem die Entscheidung heranreift, jene drei Wörter auszusprechen. Sie zu denken, sie für möglich zu halten.

Kann eine Liebesgeschichte erst erzählt werden, nachdem sie vorbei ist? Und was wird dann erzählt? Ein Scheitern, ein Ende, ein Beginn? Julia Schoch erzählt das alles und noch viel mehr. Der Roman ist zugleich sparsam und dicht, beschreitet zügig eine Hauptstraße und tändelt auf Nebenpfaden herum. Der Text ist präzise komponiert – was man ihm mitunter und dann nicht unbedingt zu seinem Vorteil anmerkt – und gelegentlich recht offensichtlich auf den einen schönen, prägnanten Satz hin geschrieben, der zwar treffend einen Gedanken oder eine Empfindung beschreibt, aber ebenso schnell vergessen wird, wie er aufgespießt und dem Betrachter präsentiert wurde – nicht selten, weil einige Zeilen danach bereits der nächste schöne Satz auf seinen Moment wartet.

Der Text ist prätentiös, ja. Aber eben nicht nur – Gott sei Dank!

Gekonnt entfaltet sich die Erzählung in der Rückblende. Die namenlos bleibende Erzählerin läßt ihre Erinnerung Revue passieren. Auf engem Raum wird ein Leben entworfen, die wesentlichen Ankerpunkte und Entwicklungssprünge benannt, aus denen sich im Kopf des Lesers jene dreißig Jahre zusammensetzen, über die hier gesprochen wird.

Der Mann, mit dem sie jenes Liebespaar des Jahrhunderts bildet, wird von ihr als „Du“ angesprochen und bleibt gleichfalls namenlos. Existentiell fokussiert sich der Text auf sie und ihn als ich und du, als Mann und Frau, als d a s Liebespaar, anders als die anderen, besonders, einzigartig. Dabei ist nichts einzigartig an den beiden.

Studentisch rebellische Pose, Ablehnung bürgerlicher Spießigkeit, akademisch-prekäre Lebensführung, die abgelöst wird von Arriviertet mit kultivierter Rest-Bohème, größeren Wohnungen, Kindern, Familienleben. Dazwischen, währenddessen, nebenbei erkaltet ihre Liebe, also die der Erzählerin, die ihn irgendwann verlassen will, vor sich selbst erschrickt, sich dann an den Gedanken gewöhnt, mit ihm versöhnt, ihn heranreifen läßt und darauf wartet, ihn in die Tat umzusetzen.

Vielleicht ist nicht nur das Aussprechen einer Absicht der abgeschossene Pfeil. Vielleicht ist es bereits der Gedanke. Nicht nur, was man sagt, auch was man denkt, ist in der Welt. Weil fast alles, was gedacht wird, auch irgendwann getan wird. Getan werden muss. Es ist wie ein Zwang. Die Realität ist nur der Kollateralschaden sämtlicher Einfälle, die jemals gedacht worden sind, ihr unvermeidliches Nebenprodukt. (S. 103)

In was verwandelt man sich, wenn der andere aufhört, einen zu lieben? Verwandelt man sich in sich selbst zurück? Ist man, wenn man aus einer Liebesbeziehung entlassen wird, noch immer der Mensch, in den der andere sich einst verliebt hat? Oder war ich, sozusagen unter dem Zugriff der Liebe, unbemerkt von der Außenwelt, ja sogar ohne daß ich selbst es bemerkt hätte, mit den Jahren eine andere geworden? (S. 76)

Das Buch besticht durch eine ausgefeilte und sicher verwendete Sprache. Vereinzelte Mißgriffe – etwa die Verwendung des Wortes Unglück (S. 151) oder die „Gründe dagegen“ (S. 65) – unterstreichen die Qualität der Sprache noch. 

Offen bleibt für mich angesichts der autofiktionalen Struktur des Texts, ob es sich um eine brilliant erzählte erfundene Geschichte handelt oder um eine auf Fehlannahmen beruhende Selbstbespiegelung, die die Züge einer weiblichen Midlife-Crisis trägt und nicht frei von Paranoia ist (S. 115ff.). Dazu trägt für mich auch bei, daß es öfter darum geht, wie diese Geschichte zu erzählen sei, in welchem Stadium sich die Erzählerin, ihr Partner oder sie beide als Paar befinden müßten, damit die Geschichte erzählt werden kann.

Somit hinterläßt der Text – der erst im Nachhinein als zweiter Band einer Trilogie zu erkennen ist – bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Die Rezensentinnen des deutschen Feuilletons waren hingegen begeistert, erkannten sich und ihre Erfahrungen mit Männern wieder.

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