Anne Weber: Luft und Liebe

Anne Weber, Luft und Liebe, 2010, Neuauflage 2023, Berlin: Matthes und Seitz, 189 Seiten.

Anne Weber, Luft und Liebe | nw2023

Die 1964 geborene Autorin, die seit 1983 in Paris lebt und arbeitet, wo sie an der Sorbonne französische Literatur und Komparatistik studierte, ist zugleich Übersetzerin und Schriftstellerin. Sie übersetzte zum Beispiel Romane von Wilhelm Genanzino und Sibylle Lewitscharow ins Französische und von Pierre Michon, Margerite Duras oder Cécile Wajsbrot in Deutsche. Zu den eigenen Veröffentlichungen, die seit 1998 erscheinen, zählen „Ida erfindet das Schießpulver“, „Gold im Mund“, „Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch“ und „Annette, ein Heldinnenepos“. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, so erhielt sie im Jahr 2020 den Deutschen Buchpreis für „Annette, ein Heldinnenepos“, im Jahr 2004 den Heimito von Doderer-Literaturpreis sowie mehrere Übersetzerpreise.

„Luft und Liebe“ – auf Französisch: „Tous des voeux“ – erschien im Jahr 2010; es ist ihr sechster Roman. Die gut 180 Seiten sind in dieser Ausgabe locker und groß bedruckt, weshalb sich der Textumfang gut bewältigen läßt. Dazu trägt aber vor allem der flüssige Stil und die trotz einer gebrochenen Erzählstruktur vorwärtsdrängende Entwicklung bei.

Worum geht es?

Eine Autorin schreibt in verfremdeter Form eine Liebesgeschichte auf, die sie selbst erlebt hat, ist mit dem Ergebnis unzufrieden, weshalb sie sie ein weiteres Mal erzählt, dabei auf die Verfremdung verzichtet, aber die alte und neue Erzählung immer wieder miteinander verflicht. Auf diese Weise erzählt das Buch nicht nur eine Geschichte doppelt, sondern thematisiert – indem diese Geschichten erzählt werden – Möglichkeiten und Grenzen des autofiktionalen Schreibens. Die Ich-Erzählerin tritt abwechselnd, mitunter auch gleichzeitig, als handelnde und als schreibende Person auf.

Lange bleibt unklar, was genau passiert ist, da die beiden Erzählebenen und die permanente Verfremdung den Erzählfluß immer wieder ins Stocken bringen. Die Verwendung des Begriffs Ritter für den Liebhaber der Frau verweist ebenso wie das verwunschene Schloß ins Märchenhafte, düstere Vorausweisungen deuten auf Gefahr hin. Am Ende ist es eine banale Geschichte über das Betrogenwerden.

Die Ich-Erzählerin und ihr Alter Ego namens Léa gehen zunächst eine kurze Ehe mit Vladimir Mikoyan ein, bevor der verarmte Adelige Enguerrand in ihr Leben tritt. Mit diesem entwickelt sich eine intensive Beziehung inklusive Heiratsabsicht und Kinderwunsch, Konflikt- und Frustrationspotential eingeschlossen.

Zum Stil:

Das Buch ist auf gehobenem sprachlichen Niveau flüssig geschrieben, oft von großer Leichtigkeit und Eleganz. Dies gilt selbst für die zahlreich eingesetzten Verfremdungseffekte: Die versuchte Camouflage wird enttarnt, die Autorin und die Figuren, die sie von sich abgespalten hat, treten in stete Zwiesprache, die Unzuverlässigkeit der Erzählerin wird betont und die Balance zwischen tatsächlich Geschehenem, erwünscht gewesenen Möglichkeiten und verpaßten Chancen immer wieder neu justiert. Die Erzählstruktur wird aufgebrochen, aber nicht unterbrochen – und die Verfremdung ist auffällig, mitunter gar penetrant (S. 99!), aber dennoch aufs Ganze gesehen nicht störend – erstaunlicherweise!

Das Frauenbild der Literaturgattung Märchen wird kritisiert, und insgesamt liegen die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen den verschiedenen Ich-Ausprägungen der Autorin auf der Seele. Gleichzeitig wird eine Rivalin auf ein Art und Weise beschrieben, wie man das heute wohl kaum noch schreiben würde (S. 140). Daß die Tragödie mehrmals zur Farce wird, nimmt ihr nichts an Schärfe – im Gegenteil.

Interessant und treffend sind immer wieder Passagen über die Erinnerung, so zum Beispiel diese:

Es gibt ein Schwindelgefühl, ja, ein Grauen, das den Zurückblickenden, den Sich-Erinnernden erfaßt, wenn er die Vergangenheit, wie sie in seinem Gedächtnis geblieben ist, mit seinem gegenwärtigen Wissen über das, was noch kommen würde, konfrontiert – über das, was noch kommen würde, wovon nichts zu erahnen war, oder vielleicht doch? und was dann tatsächlich auch gekommen ist. Es ist das gleiche Schwindelgefühl, das einen überkommt, wenn man sich zu vergegenwärtigen versucht, womit ein Mensch beschäftigt war, welche Sorgen er hatte, bevor er bei einem Erdbeben, durch ein plötzliches Herzversagen, durch ein herantrauendes Auto zu Tode kam. Uns schaudert bei diesem Gedanken, weil wir erfahren müssen, daß die Vergangenheit, unsere persönliche Vergangenheit nicht ein für allemal vergangen, unveränderlich und wie in Bronze gegossen ist, sondern jederzeit von den Erkenntnissen der Gegenwart in ein völlig anderes, ungeahntes, erschreckendes Licht gerückt werden kann. Die Gegenwart macht uns die Vergangenheit suspekt. (S. 51)

Es beginnt die tyrannische, über mehrere Monate währende Herrschaft der Einzelheiten, die sich eine nach der anderen aus der Tiefe ihres Bewußtseins lösen und an die Oberfläche kommen, Erinnerungen, gewichtige und unscheinbare, kleine, die nicht damit gerechnet hatten, noch einmal hervorgekramt und in ein neues Licht gerückt zu werden. (S. 149)

Es gibt viele ausdrückliche Referenzen auf Autoren und Werke, es gibt Bilder, die die Autorin gesehen und Sätze, die sie gelesen hat, und die ihr beim Erleben beziehungsweise Schreiben ihrer Geschichte einfallen und zum Aufhänger für einen Absatz werden. Wieviel am Leben ist konstruiert, was ist Geworfensein? Diese Frage hat sich mir beim Lesen mehrfach gestellt.

Mein Fazit:

Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander, wußte schon Loriot. Der vorliegende Roman unterstreicht das, bietet aber auch eine Verarbeitungsstrategie für betroffene Frauen an. Letztlich handelt es sich um eine banale Geschichte, die frei nach Heine immer wieder neu ist und Herzen entzwei bricht, aber hier durch ein intellektuelles Glasperlenspiel über das autofiktionale Schreiben überhöht und durch feministische Töne gefärbt wird – ohne daß sich dies für mich auszahlt.

[E]s ist eine Geschichte, in der die fruchtbarsten mit den furchtbarsten Tagen zusammenfallen. (S. 161)

Insgesamt gibt es nur drei von fünf Sternen, weil die Autorin aus meiner Sicht viel Potential verschenkt hat.

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