Franziska Greising, Ein Sommer allein, 2024, Bücherlese, 158 Seiten.

Greising ist eine Luzerner Autorin, die seit den 1980er Jahren Texte in unterschiedlichen Gattungen publiziert. Ein Sommer allein ist ihr neuester Roman. Erzählt wird die Geschichte von Mona, die nach ihrer Scheidung eine Beziehung zu dem Maler Jonathan eingeht. Als er sich abfällig über ihr neuestes Buch äußert, geht sie wortwörtlich auf Distanz und zieht in eine abgelegene Berghütte.
Dort versucht sie, sich selbst zu finden und sich über ihr Verhältnis zu Jonathan im Klaren zu werden. Spaziergänge mit einem zugelaufenen Hund, Selbstgespräche und Schreiben helfen ihr dabei. Doch sie verzehrt sich nach ihm, ruft ihn an, fleht ihn an, zu ihr zu kommen. Obwohl er ein Verhältnis mit einer deutlich jüngeren Frau hat, das bereits vor ihrer Beziehungspause begann, gibt es eine Explosion der Leidenschaft zwischen Mona und Jonathan, doch beider Sturheit führt zur erneuten Trennung.
Kann eine Beziehung nur funktionieren, wenn sich eine Seite unterwirft? Wie eigenständig kann eine Frau bleiben, die von einem Mann begehrt werden will? Das Buch gibt darauf keine eindeutige Antwort. Ist es ihr jeweiliges Unvermögen – ihres zur Selbstaufgabe, seines zum Kompromiß – oder die beiderseitige Sprachlosigkeit im entscheidenden Moment, die verhindert, daß Mona und Jonathan beieinander bleiben? Oder kommen sie am Ende doch wieder zusammen?
Die Autorin arbeitet mit Tempo- und Perspektivwechseln; hinzu kommen vage bleibende Zeitsprünge. Damit wird dem Text Lebendigkeit verliehen, aber ich hatte auch den Eindruck der Unschärfe. Es gelingt der Autorin zweifelsohne, die Atmosphäre sehr gut einzufangen. Sowohl die hitzige Spannung zwischen Mona und Jonathan als auch die Schroffheit der Alpen werden gut zum Ausdruck gebracht.
Sie brannte darauf, sich mit ihrer gipfelhohen Abgeschiedenheit anzufreunden, nicht im Geringsten fühltebsie sich verlassen, wie sie befürchtet hatte. Die Gleichgültigkeit der einsamen und unzugänglichen Höhen, die rings um sie aufragten, verbreitete etwas wie Beständigkeit, und sie fühlte sich trotz ihrer Fremdheit in dieser Nacht geborgen. (S. 23)
Greising schenkt Monas Stimme viel Gehör, nimmt ihre Position ein. Jonathan als Mann ist ein anderes, fremdes Wesen, kaum zu begreifen. Lust und Begehren können keine Brücke zum Wesen des Mannes herstellen, ebensowenig rationaler Austausch über die beiderseitigen Interessen.
Interessant ist auch, wie Mona zu Beginn des Buches und an dessen Ende mit einer Trennung umgeht. Die Scheidung, die sie zu Beginn hinter sich hat, ist ein Einschnitt, an den sich aber ein neues Leben anschließt: „Auch als geschiedene Frau gehörst du noch dazu.“ (S. 9) Mona wird auf ein Sommerfest eingeladen; dort begegnet sie Jonathan das erste Mal. „Jahre später“ (S. 10), als sie schon mit Jonathan auf ungeregelter Basis zusammenlebt, läuft ihr ein Hund zu: „Seither blieb der Hund bei ihr.“ (S. 12)
Bei der erstmaligen Lektüre deutet es sich an, im weiteren Verlauf des Buches wird es deutlich, und beim Verfassen dieser Zeilen erkenne ich es, daß hier der tragische Knoten geschürzt wird: Ein Dreieck aus Leidenschaft, Liebe und Treue wird angelegt, in dem sich ein Gefühlsstrudel bildet, der die Geschichte schließlich ausmacht.
