Dunkle Bergwelt

Paolo Cognetti, Unten im Tal, 2023, dt. 2024 (aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt), Penguin, 143 Seiten.

Der kurze Roman wird aus mehreren Perspektiven erzählt und enthält kurze Rückblenden. Die Geschichte führt in das „echte Leben“ in einem abgelegenen italienischen Gebirgstal, wo es entbehrungsreich und freudlos zugeht. Das frühere, wilde, unkontrollierte Leben ist vorbei, lebt nur in der Erinnerung fort, doch die wird von Alkohol und zunehmendem Alter vernebelt. Die neue Zeit kommt aber nur zögernd und unvollständig ins Tal, was früher abenteuerlich und widerständig gewesen sein mochte, ist heute abgehängt und ohne Perspektive.

Wobei „heute“, also die Erzählzeit, 1994 ist. Luigi ist seit fünfzehn Jahren mit Elisabetta zusammen, die einst als Urlauberin aus Mailand ins Tal kam. Nach dem Tod seines Vaters ist zwecks Erbauseinandersetzung der jüngere Bruder Alfredo, der mittlerweile in Kanada lebt, zurückgekommen. 

Nach und nach erfahren wir, was jetzt passiert und was damals geschehen ist, verfolgen den Zyklus des Lebens und dessen Höhen und Tiefen. Gedrängt und doch ohne Hektik erzählt Cognetti seine Geschichte, in prägnanter Sprache, die zwischen hart und poetisch wechselt, eine eigene Stimmung schafft und mich von Anfang an gefesselt hat.

Brutal werden wir in die Geschichte hineingezogen, als ein Hund einen anderen totbeißt. Es werden weitere Hunde totgebissen, Menschen werden aufmerksam, Geschichten über Wölfe werden erzählt, Jagden organisiert. Hart und direkt sind die Schilderungen, zum Teil aus der Perspektive einer Hündin. Das packende, ungewöhnliche EInstiegskapitel ist das einzige, das auserzählt und abgeschlossen wird.

Die anderen Erzählstränge lassen Fragen offen und den weiteren Fortgang der Geschichte ungeklärt. So werden die Gegensätze zum unabänderlichen Prinzip, zur Natur der Dinge: Mann-Frau, Stadt-Land, Italien-Kanada, Alfredo-Luigi.

Alkohol ist für die Männer selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, ebenso wie Gewalt und sexuelles Begehren, das nicht immer erfüllt wird. Angst vor Angepaßtheit und Hilflosigkeit im Alter, der Versuch, eine archaische Männlichkeit zu bewahren, sind die Triebfedern für viele ihrer Handlungen.

Cognettis Prosa in der Übertragung von Christiane Burkhardt ist oft herb, kann aber auch ins Poetische wechseln. Personen werden prägnant charakterisiert, aus der Innen- und verschiedenen Außenperspektiven beleuchtet, so daß sie ungeachtet der Kürze des Buches Konturen gewinnen. Es findet keine Charakterentwicklung statt (abgesehen davon, daß Luigi in den frühen Tagen seiner Beziehung mit Elisabetta gelernt hat, sie zärtlich anzufassen), sondern die Personen treffen aufeinander, ungestüm, und es bleibt immer ein Rest Fremdheit.

Im Nachwort nimmt der Autor Bezug auf das Werk von Bruce Springsteen, mit dem er als Kind in Berührung gekommen ist und das sein Leben geprägt hat. Inwieweit das auf das Buch abgefärbt, Inhalt und Stil des Romans geprägt hat, vermag ich nicht zu sagen.

Klare Leseempfehlung!

Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Literatur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..