Demian Lienhard, Mr. Goebbels Jazz Band, 2023, 313 Seiten.

Was für ein Titel! Inhaltlich weckt er Erwartungen, formal provoziert er immer wieder Kopfschütteln. Immerhin wird die Fehlerhaftigkeit auch im Text einmal angesprochen (S. 145). Doch ist ein Buch mehr als sein Titel, muß mehr sein, um überzeugen und berühren zu können. Kann dieses Buch mich berühren und überzeugen? So sicher bin ich mir da immer noch nicht.
Ein Autor schreibt ein Buch über einen Autor, der ein Buch schreibt über einen Mann, der eine Rolle spielt, die seinen Überzeugungen entspricht. Ist die Doppelbödigkeit ein Kunstgriff oder doch nur Selbstzweck?
Historische Tatsache ist, daß die Nazis Propagandasender unterhielten, auf denen die eigentlich verpönte Jazzmusik gespielt und mit Texten kombiniert wurde, um den Durchhaltewillen der Engländer zu schwächen und sie gegen ihre Regierung, namentlich gegen Premierminister Churchill, aufzustacheln. Die Texte wurden in überzogener Oberschichtensprechweise vorgetragen, es gab nacheinander drei Sprecher, die als „Lord HawHaw“ Berühmtheit erlangten, am längsten war ein gewisser William Joyce aktiv.
Joyce ist eine der Hauptfiguren des Romans, er ist es, dessen Geschichte der Autor Mahler erzählt. Joyce ist ein englischer Faschist, ein gebürtiger US-Amerikaner, der aus irischer Familie stammt, aber sich als Brite ausgibt, um in die Armee einzutreten. 1939 muß er aus England fliehen und geht nach Deutschland. Margaret White ist eine Anhängerin der Faschisten und Bewunderin von Joyce, einem begnadeten Selbstdarsteller und Blender; später heiraten die beiden.
Der schweizerische Autor Fritz Mahler wird 1941 von den Nazis ausgewählt, um in Berlin einen Roman über die Jazzband zu schreiben, die die Musik zu den Propagandasendungen gegen England beisteuert. Für die Musiker ist dies eine Chance, zumindest ein Aufschub, um Tod und Verfolgung zu entgehen.
Am Ende erfahren wir, daß Joyce von den Engländern im Mai 1945 festgenommen und später wegen Landesverrrats hingerichtet wird. Er stolpert nun über seine vormals behauptete britische Staatsbürgerschaft.
Im dumpfen Vibrando (sic) dieser großstädtischen Geschäftigkeit war zunächst nur unmerklich, dann aber umso schärfer und stechender ein dreimotoriges Knattern und Spatzen auszumachen, und wer nun, vom Lärm aufgeschreckt, den Kopf hob, konnte dort einen in der Sonne glitzernden Aeroplan seine ebenmäßigen Bahnen ziehen sehen; seine Nase starr gegen Tempelhof gerichtet, sank er wie auf einer unsichtbaren Rampe langsam aus dem Himmel herab (S. 11f.)
In Sachen Unterhaltungsmusik machte dem Düsseldorfer so schnell keiner was vor, er kannte Hinz und Kunz, Krethi und Plethi und im Zweifel auch Pontius und Pilatus. (S. 23f.)
Ein bemüht historisierender Klang, gequälte Flottheit. Aber Lienhard kann auch anders:
Mahler war froh, solche Feigenblätter zur Kaschieren seiner tatsächlichen Beweggründe zur Hand zu haben, denn hin und wieder, in einem jener seltenen Momente des Klarsehens, nagte die Gewissheit, dass sie durch und durch verwerflich waren, ganz fürchterlich an ihm. (S. 45)
Gegen Mittag hatte er einen der Vorortszüge genommen und war nach Datchet hinausgefahren, um den Kopf freizubekommen, und das war ihm so prächtig gelungen, dass er, von ihm selbst unbemerkt, über einen kleinen Umweg am Eton College vorbei bis nachher Windsor hineingelangt und dort in eine der Gaststätten am Flussufer gespült worden war. Er hatte erst wieder zu sich gefunden, als er inmittender fröhlichen Ausflügler, die von London oder Reading herübergekommen waren und nun, nachdem sie, erhitzt von der körperlichen Betätigung, ihre schweren Tweedjacken abgelegt und sich im bloßen Hemd, die Hosenträger schamlos offenbarend, in ihre hölzernen Klappstühle gelümmelt hatten, die wohlbekannte Buchstabenfolge seines Namens in der Zeitung sah. (S. 71f.)
Ob diese Thomas-Mann-Parodien gewollt sind, läßt sich nicht sagen. Auch die verunglückte Namensgebung für eine Fähre „SS Lethe“ (S. 110) ist ein Beispiel für den aus meiner Sicht ziemlich schlechten sprachlichen Stil des Buches.
Vieles bleibt im Ungefähren, einzig der Tod von Joyce ist so eindeutig wie die militärische Niederlage des Deutschen Reichs.
Insgesamt ein eigenartiges und eigenwilliges Buch, das mich aber weder gepackt hat noch überzeugen konnte.

Hi Norman. Ich kann verstehen, dass der Stil nicht gerade jedermanns Sache ist. Mir hat er gefallen. Zum Inhalt: Unglaublich, dass sich diese Geschichte zu einem grossen Teil so abgespielt hat. Hat mir doch zu Denken gegeben.