Celia Fremlins Roman Der lange Schatten (2024 übersetzt von Sabine Roth) erschien ursprünglich unter dem Titel The Long Shadow im Jahr 1975 und ist ein psychologischer Spannungsroman, der schwarzen Humor mit einem schleichenden Gefühl der Unruhe verbindet.

Die Geschichte handelt von Imogen Barnicott, einer frisch verwitweten Frau, die mit dem arroganten und manipulativen, also allseits beliebten und erfolgreichen Ivor verheiratet war. Nach seinem Tod hofft sie, etwas Frieden zu finden, doch stattdessen wird sie – im übertragenen und vielleicht auch im wörtlichen Sinne – von seinem anhaltenden Einfluss heimgesucht – oder vielleicht sogar von ihm selbst? Seltsame Ereignisse beginnen sie zu verunsichern, während sie darüber nachzudenken anfängt ob sie wirklich frei von Ivors Kontrolle ist. Während sich Paranoia und Spannung aufbauen, behandelt der Roman Themen wie Gaslighting, emotionalen Missbrauch und die langfristigen psychologischen Auswirkungen toxischer Beziehungen. Dies geschieht aber alles nur implizit und ohne erhobenen Zeigefinger. Gremlin traut ihren Lesern erfreulicherweise zu, selbst Schlüsse zu ziehen.
Das vor fünfzig Jahren verfaßte Buch ist erfrischend unkorrekt (und enthält heutzutage folgerichtig eine Triggerwarnung wegen diskriminierender Sprache) und voller beißender Ironie. Die Ehe erscheint einmal mehr als der Ort, in dem sich zwei Menschen das Leben gegenseitig schwer machen. Dies potenziert sich dadurch, daß der verstorbene Ivor dreimal verheiratet war. Das Trauerhaus wird zur temporären Heimstatt einer Patchwork-Familie, vor deren Heimsuchungen Imogen auch kein Stoßgebet retten kann.
Fremlin, die für ihre subtilen, beunruhigenden Erzählungen bekannt ist, gestaltet „Der lange Schatten“ eher wie einen sich langsam steigernden Psychothriller als einen traditionellen Kriminalroman. Anstatt sich auf ein Verbrechen zu konzentrieren, taucht der Roman tief in die Ängste und Befürchtungen einer Frau ein, die mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität kämpft. Dementsprechend gerät die Auflösung dann eher unspektakulär.
Leseempfehlung!
