Arthur Schnitzler, Professor Bernhardi, Komödie in fünf Akten, 1912.

Schnitzler (1862-1931) war Arzt, Schriftsteller und Dramatiker. Seinem 1835 im ungarischen Groß-Kanizsa, nahe der Grenze zu Kroatien, als Sohn eines armen Handwerkers geborenen Vater gelang der berufliche und gesellschaftliche Aufstieg zum Arzt, Medizinprofessor und Klinikdirektor. Arthur Schnitzler trat als Arzt in seine Fußstapfen, verließ aber nach dessen Tod das Krankenhaus und eröffnete eine Privatpraxis. Nach zunächst einzelnen Veröffentlichungen erschienen Ende der 1880er Jahre immer öfter literarische Texte von Schnitzler. In der Folge fand er sich mit Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr und Richard Beer-Hofmann zur Gruppe „Jung Wien“ zusammen.
Zum Durchbruch verhalf ihm die Uraufführung von „Liebelei“ am 9. Oktober 1895 am Burgtheater mit Adele Sandrock in der weiblichen Hauptrolle. Nach zahlreichen mehr oder weniger erfolgreichen Theaterstücken veröffentlichte er die Novelle „Leutnant Gustl“ (1900), die für einen Skandal sorgte, weil es darin um einen feigen Soldaten geht, was mit den damaligen Ehrvorstellungen unvereinbar war. Der Text ist komplett als innerer Monolog gestaltet und gehört damit zur Avantgarde. Der „Reigen“, eine Abfolge von Gesprächen zwischen Sexualpartnern vor und nach dem Geschlechtsakt, erschien öffentlich im Jahr 1903 und galt als unmoralisch. Mit beiden Texten hatte sich Schnitzler zum Skandalautoren gemacht und sah sich Angriffen, auch antisemitischen, ausgesetzt.
Professor Bernhardi ist Arzt und Direktor einer fiktiven Privatklinik in Wien, die er mit Kollegen gegründet hat. Er verweigert einem katholischen Priester den Zugang zu einer Todkranken, weil diese aufgrund einer Medikamentengabe euphorisch ist, nicht ans Sterben denkt und auch nicht durch die Sakramente spendenden Priester mit der Wahrheit konfrontiert werden soll.
Im allgemeinen antisemitischen Klima Wiens bauscht die klerikale Partei den Vorfall auf, und erklärt, Bernhardi habe als Jude gehandelt und nicht nur die Kirche in der Ausübung ihres Amtes behindert, sondern auch den Priester tätlich angegriffen. Ihm wird angeboten, die Sache nach einer Entschuldigung fallenzulassen, wenn er als Gegenleistung einen weniger qualifizierten christlichen Bewerber einem besser qualifizierten jüdischen Bewerber als Nachfolger für einen die Klinik verlassenden Arzt vorzieht. Bernhardi lehnt das ab. Daraufhin zieht der Fall weitere Kreise und führt schließlich zu einem Strafprozess, in Folge dessen er zu zwei Monaten Haft verurteilt wird.
In zahlreichen Dialogen wird diskutiert, ob man moralisch richtig handeln oder übergeordnete Ziele verfolgen und zu deren Erreichen pragmatisch sein und Kompromisse machen soll. Der berüchtigte Wiener Antisemitismus flackert immer wieder auf und wird auch oft direkt artikuliert. Außerdem geht es um die Bedeutung von Gerichten und die Rolle der katholischen Kirche.
Es verwundert nicht, daß das Stück bis zum Ende der Monarchie verboten war und auch danach nur kurzzeitig auf den deutschsprachigen Bühnen Fuß fassen konnte. Man konnte es – anders als den skandalumwitterten „Reigen“ – nicht als unmoralisch abtun, sondern wurde mit den eigentlichen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Das erboste nachhaltig.
