Staatserzählungen

Staatserzählungen | Foto: Verlagswebseite

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Der Staat sei, so die Herausgeber im ersten Satz ihrer Einleitung, „ins Gerede gekommen“ (S. 9). Die Bespiele, die danach folgen, betreffen dann aber doch das ganz traditionelle Reden über den Staat, das Anamnese und Diagnose ebenso umfaßt wie Kritik und Handlungsempfehlungen, auch Sorgen und ja, gelegentlich und heutzutage wohl zunehmend, auch Haß. Dieses Reden über den Staat, das Wort Gerede fällt zu Beginn des dritten Absatzes (immer noch S. 9) erneut, gilt den Herausgebern als Ausdruck von Unsicherheit, Zweifeln, irgendwie als Ausdruck eines ungesagt bleibenden Unbehagens. Diesem werden dann die Staatserzählungen als positive Rede entgegengestellt: sie stiften Sinn, geben Identität und Orientierung, sind Kompaß und Maßstab.

Der Band »Staatserzählungen. Die Deutschen und ihre Politische Ordnung«, herausgegeben von Grit Straßenberger und Felix Wassermann, ist im Mai 2018 erschienen; zum 65. Geburtstag Herfried Münklers im Jahr 2016 fand ein Festcolloquium an der Humboldt-Universität zu Berlin statt, bei dem Vorträge gehalten wurden, auf denen einige der Beiträge beruhen (S. 316). Andere Beiträge, vor allem wohl der des Jubilars selbst, wurden für die Buchveröffentlichung hinzugenommen.

Professoren der Humboldt-Universität zu Berlin – fünf Männer und eine Frau – für Kunstgeschichte, Neuere Deutsche Literatur, Geschichte, Alte Geschichte sowie Öffentliches Recht und Völkerrecht sind ebenso unter den Beiträgern wie der Journalist und FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube und der Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Schäuble. Der Jubilar steuert ebenso einen Beitrag bei wie die Herausgeber, beides Münkler-Schüler, die gemeinsam den Schlußbeitrag verfaßten.

Auf rund dreihundert Seiten finden ganz unterschiedliche Annäherungen an den Staat, den deutschen zumal, die politische Ordnung des Gemeinwesens generell statt, wobei Erzählungen, Redeweisen und bildliche Darstellungen betrachtet und analysiert werden. Die klugen, bedächtigen und liberalen Autoren sind allesamt mit mächtigen Tauen dem zwanzigsten und oft auch dem neunzehnten Jahrhundert verbunden. Aus diesen Zeiten beziehen sie Kraft und Argumente – aber sie begrenzen auch ihren Horizont. Gegenwart und Kultur des 21. Jahrhunderts sind kaum präsent.  Anders als Steffen Martus es für die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm zeigt, die etwa den Text des »Froschkönigs« sprachlich und inhaltlich im Lauf der Jahrzehnte bewußt modifizierten, sei es um selbst zu steuern oder sich an Veränderungen anzupassen, bleiben die Autoren einer konventionell-elitär gebildeten – und darum auch begrenzten – Weltsicht verhaftet.

So findet sich viel bedenkenswertes, aber leider nur wenig richtungsweisendes. Das kommt dann ausgerechnet von Münkler selbst, wenn er angesichts des Verblassens der überkommenen Europaerzählung von der Kriegsüberwindung nach einer neuen sucht und diese nicht in einer abwehrenden „Abendlanderzählung“, sondern in einer aktiven „Global-Player-Erzählung“ entdeckt, die auf Akteurskapazitäten und Handlungsräume setzt. Und es kommt von Wolfgang Schäuble,  der sich mit den Herausforderungen einer Neuorientierung des multireligiösen Staates der notwendigerweise offenen Grenzen – um an der Globalisierung teilhaben zu können – beschäftigt. „Pluralität ist machbar, Herr Nachbar!“, ruft der altersweise Bundestagspräsident den Deutschen zu. „Europa ist unsere Chance!“, sekundiert der mittlerweile emeritierte Münkler.

Die Beiträge von Jürgen Kaube und von Straßenberger/Wassermann, die den Band rahmen, behandeln beide das Thema der Beratung, nehmen also Akteure in den Blick, die informiert sind und die Entscheidungsträger unterstützen sollen. Wenn es um die (Rück-)Gewinnung breiter Bevölkerungsschichten für die liberale Demokratie, den Rechtsstaat, für multilaterale Zusammenarbeit und schlicht für ein funktionierendes, freiheitliches Gemeinwesen geht, müssen Berater neben diesem Buch auch andere Quellen anzapfen, sonst geraten die neue Staats- und Europaerzählung wenig ansprechend und überzeugend.

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