Ein Gentleman in Moskau

Amor Towles, Ein Gentleman in Moskau, 2016, dt. 2017 (aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel), 558 Seiten.

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Foto: nw2017

Worum geht es in dem Roman?

Im nachrevolutionären Moskau wird ein Adliger vom Volkskommissariat zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Nur gut, daß Graf Rostov im großzügigen und eleganten Hotel Metropol wohnt, wenn er auch aus seiner luxuriösen Suite in eine Dachkammer umquartiert wird.

Beschränkt auf den ihm vertrauten Ort, lernt er diesen in Gesellschaft eines Mädchens aus einer ganz anderen Perspektive kennen.

»Braucht man bei einem Bankett wirklich einen Spargelheber?«

»Braucht man im Orchester ein Fagott?« (S. 80)

Was ist das Besondere am »Gentleman in Moskau«?

Rückblicke, Zustandsbeschreibungen, Überraschungen, heimliche Abenteuer und Fluchten aus dem eng umhegten Alltag – all dies wird einem gleichermaßen präzisen wie lässigen Tonfall erzählt, daß es eine wahre Freude ist. Erinnerungen an das vorrevolutionäre Leben der adeligen Oberschicht werden mit der neuen Herrschaft der Bolschewiki kontrastiert. Doch auch unter den neuen Herren gibt es Luxus (S. 118) und Willkür (S. 135f.); Graf Rostov nimmt es nachsichtig zur Kenntnis.

Aber das Schicksal hätte nicht den Ruf, den es hat, wenn es nur das täte, was naheliegend scheint. (S. 108)

Junge Liebe, dachte der Graf mit einem Lächeln. Daran ist nichts nowaja. (S. 131)

Der Roman überzeugt mich durch die gekonnte Thematisierung von Eleganz – im Leben selbst und mittels der Sprache, feine Ironie und Lebensklugheit sind wertvolle Zutaten. Wie es sich für einen russischen Roman gehört, treten sehr viele Personen auf. Manche davon verschwinden schnell wieder – was einmal hübsch ironisch gebrochen wird –, andere bilden Konstanten der Handlung.  Überraschende Wendungen unterschiedlicher Art halten den Spannungsbogen der Geschichte aufrecht.

»Ziehen Sie bitte, wenn Sie gehen, die Vorhänge zu.« (S. 158)

Der Graf betrachtete das Blatt in seiner Hand mit einem erhöhten Gefühl der Achtung. Schließlich sollte ein gebildeter Mann jedes Studium bewundern, und sei es noch so ungewöhnlich, solange es mit Neugier und Eifer verfolgt wurde. (S. 171)

Das sind die großen Bequemlichkeiten, Anuschka – und in meiner Zeit habe ich sie alle gehabt. Aber am Schluss sind es die Unbequemlichkeiten, die am meisten zählen. (S. 430)

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Der Moskauer Kreml | Foto: nw2015

Aber es liegt auch Wehmut über dem Text, wenn Graf Rostov sich an die unwiederbringlich verlorene Vergangenheit erinnert, deren Nachhall ihn ganz natürlich umweht und sich doch langsam verliert. Gleichzeitig geht das Leben weiter, es kommen neue Herausforderungen und Veränderungen auf den Grafen zu, er ist aktiv und bleibt dem Leben zugewandt.

Ziemlich genau in der Mitte des Buches, das voll ist von guten Dialogen, gibt es einen besonders guten Dialog. Towles schreibt mit großer Imaginationskraft, so daß ich wahrhaft das Gefühl habe, dabei zu sein und alles zu hören und zu sehen. Auch dramaturgisch ist der Dialog wichtig, denn er eröffnet dem Grafen neue Perspektiven und Handlungsoptionen.

Die Gewalt der inneren Kämpfe in der jungen Sowjetunion in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, die Robert Gerwarth in »Die Besiegten« beschreibt, kommt nicht vor. Die kleine Moskauer Welt des Nobelhotels wird davon nicht erreicht. Aber später, wenn die zweite Hälfte der 1930er Jahre erreicht ist, wird die politische Beklemmung, die Unterdrückung im Stalinismus spürbar und auch zum konkreten Gegenstand des Romans.

Und im März 1939 saß er in einem Zug nach Sibirien in das Reich des reiflichen Reflektieren. (S. 335)

Zufällig aber führte eine flüchtige Überprüfung der Verbindungen dieser Ehemaligen Person zu einer gewissen gertenschlanken Schauspielerin, die angeblich seit Jahren die Geliebte eines Kommissars mit rundem Gesicht war, der kürzlich ins Politbüro befördert worden war. Innerhalb der Wände eines kleinen, schmucklosen Büros eines besonders bürokratischen Zweigs der Verwaltung ist es im Allgemeinen schwierig, sich die Welt draußen vorzustellen. Weniger schwierig ist es jedoch, sich vorzustellen, was mit der eigenen Karriere passieren würde, wollte man die uneheliche Tochter eines Mitglieds des Politbüros aufgreifen und in eine Waisenhaus verbringen. Für eine solche Tat bekäme man eine Zigarette angeboten, dann würden einem die Augen verbunden. (S. 336)

Schalkhaftigkeit und ernste Betrachtungen wechseln einander ab, die Fülle von Episoden  wird durch starke Erzählfäden, die immer wieder durchscheinen, zusammengehalten. Kinder wachsen heran, Männer altern, Kriege werden geführt, Generalsekretäre sterben. Die Sowjetunion erbringt Leistungen im Systemwettbewerb, und das fordert seinen Preis.

Mein Fazit

Ein wunderbares Buch, gut geschrieben, fesselnd, lesenswert. Und wenn ich Anfang Dezember nach Moskau fliege, werde ich dem Hotel Metropol einen Besuch abstatten. In Wirklichkeit wurde der Hotelbetrieb nach der Revolution eingestellt und erst 1931 wieder aufgenommen. Die Geschichte hat nicht von ungefähr etwas Märchenhaftes. Gerade das macht sie zu einem besonderen Leseerlebnis.

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2 Antworten zu Ein Gentleman in Moskau

  1. Wissenstagebuch schreibt:

    Dieses Buch hört sich großartig an. Ich habe gerade gestern das Sachbuch von Stephen A. Smith ,,Revolution in Russland“ beendet und würde gern etwas aus der Perspektive der ,,Bourgeoisie“ lesen (dort ging es hauptsächlich um Arbeiter und Bauern). Danke für diesen Tipp zur rechten Zeit.
    Viele Grüße
    Jana

    • nweiss2013 schreibt:

      Liebe Jana,
      ich bin durch Zufall in einer Buchhandlung auf das Buch gestoßen und es hat mir wunderbare Stunden verschafft. Ich kann es nur empfehlen!
      Viele Grüße
      Norman

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