Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras

Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras. Roman, 1951.

Nachdem ich im letzten Jahr Koeppens »Treibhaus« wiedergelesen und in diesem Zusammenhang MRRs geradezu hymnische Eloge auf »Tauben im Gras« – erster Band einer Trilogie – entdeckt hatte, kam das Buch für dieses Jahr auf die Leseliste.

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Buchcover: Richard Bauer, Ruinen-Jahre: Bilder aus dem zerstörten München, 1945-1949, 1983

München anstelle von Bonn, Alltagsleben nach der Besatzungszeit statt Regierungs- und Parlamentariergeschäfte – Koeppen erzählt einen Tag im Leben einer Handvoll Protagonisten und doppeltsovieler Randfiguren. Verschlingungen, Kreuzungen, Ungleichzeitigkeiten prägen das Buch, das zwar die Einheit von Zeit und Ort wahrt, aber, anders als das klassische Drama, die Einheit der Handlung aufgibt und mehrere Handlungsstränge miteinander verknüpft und allesamt keiner Lösung zuführt. Dies war freilich auch gar nicht seine Absicht, ihm ging es vielmehr darum, die aus den Fugen gegangene Ordnung spürbar werden zu lassen. Was wird aus Menschen, wie lebt es sich in dieser immer noch andauernden Zwischenzeit, bevor sich eine neue Ordnung (mit erstaunlich vielen Bestandteilen der alten!) etabliert hat? Mit vielen Beispielssituationen und aus unterschiedlichen Perspektiven nähert sich Koeppen diesen Fragen, kaleidoskopartig formuliert er einen Gedankenstrom, flicht Beobachtungen ein, analysiert und bewertet.

Sie hatten ihr Leben gerettet, ein nutzloses Dasein […] (S. 25)

Neuanfänge, die keine sind, Gescheitertsein, Verkommenheit; alle wollen irgendwie ihre Haut retten, nachdem sie schon überlebt haben. Die Sicht der deutschen Personen des Romans wird konfrontiert und verflochten mit derjenigen von Amerikanern: Soldaten, Lehrerinnen auf Studienreise, einem berühmten Autoren.

Wortkaskaden beschreiben das Elend, entwerfen Hoffnungslosigkeit und machen Sprachlosigkeit hörbar. Häßlichkeit und Talmiglanz, Gewinnsucht und Angstschweiß sind die Zutaten eines freudlosen Reigens, der gelegentlich an einen Totentanz erinnert. Hineinmontierte Reklamesprüche und Schlagzeilen wirken grotesk und entlarvend. Das Land ist am Ende, diskreditiert, bankrott; und doch regt es sich schon wieder, blickt nach vorne, macht Geschäfte – als ob nichts gewesen wäre. Und Koeppen geht auf Distanz. Er beobachtet seine Figuren genau, aber er liebt sie nicht: Weder die Huren noch die Händler, weder die Ärzte noch die Patienten. Einzig den beiden schwarzen GIs bringt er Sympathie entgegen.

Der 1906 geborene Koeppen hatte den Ersten Weltkrieg als Kind erlebt; er arbeitete nach der Schule zunächst als Laufbursche für eine Buchhandlung, dann fuhr er als Küchenjunge zur See, bevor er über die Schauspielerei ans Theater kommt und sich dem Regiefach zuwendet. Koeppen arbeitete als Zeitungsredakteur, schrieb Romane und Drehbücher.

Es war im Guten wie im Schlechten seine Welt, die untergegangen war, waren seine Mitmenschen und Zeitgenossen, die aus den Ruinen krochen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Koeppen als Verlagslektor und schrieb seine drei großen Romane, »Das Treibhaus« (1951), »Tauben im Gras« (1953) und »Der Tod in Rom« (1954). Danach erschienen zwischen 1958 und 1961 Reiseberichte aus Rußland, Amerika und Frankreich. Erst 1976 folgt »Jugend«, der zuvor angekündigte Roman »In Staub mit allen Feinden Brandenburgs« erschien nicht.

Hans Werner Richter, der mehrfach ohne Erfolg versucht hatte, Koeppen zur Gruppe 47 einzuladen, schätzte den Autor sehr und notierte am 20. Januar 1970 in seinem Tagebuch:

Was [Böll] zu erzählen hatte, war belanglos, er war auch nicht darauf vorbereitet. Nur die 2000,- DM Honorar haben ihn angezogen. Er liebt das Geld und ist gegen die Geldwirtschaft. Wie immer trat er bescheiden auf, wobei mir nie klar ist, was es mit seiner Bescheidenheit auf sich hat. Besitzt er sie oder besitzt er sie nicht? Ganz anders Wolfgang Koeppen. Er ist nicht nur verhemmt und verklemmt, sondern auch von einer unverkennbaren Zurückhaltung und Bescheidenheit. Dabei besitzt er eine großartige Beobachtungsgabe. Was er zu erzählen hatte, war beeindruckend und stilistisch ausgefeilt. Es kam mir vor, als sei er, Koeppen, die größere Begabung, und die Legende, die immer noch um ihn besteht, obwohl er schon seit fünfzehn Jahren nichts mehr veröffentlicht hat, besteht zu recht. (Hans Werner Richter, Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972, 2012, S. 148f.)

Ironisch schildert Koeppen die Lesung des amerikanischen Schriftstellers, der über den europäischen Geist sprechen wollte, und sein Publikum, das zur Ausgießung des Geistes erschienen ist. Bitter und anklagend fällt seine Abrechnung mit den deutschen Zuständen aus:

Das Fräulein verkaufte im Warenhaus am Bahnhof Socken. Das Warenhaus verdiente an den Socken. Das Fräulein verdiente wenig. Es gab das Wenige zu Hause ab. Es hatte aber keine Lust, am Abend zu Hause zu sitzen und die Radiomusik zu hören, die der Vater bestimmte: Glühwürmchen-flimmere, das ewige tödlich langweilige Wunschkonzert, das zäheste Erbe des Großdeutschen Reiches. Der Vater las, während das Glühwürmchen flimmerte, die Zeitung. Er sagte: »Bei Hitler war’s anders! Da war Zug drin.« Die Mutter nickte. Sie dachte an die alte ausgebrannte Wohnung; da war Zug drin gewesen; es war Zug in den Flammen gewesen. Sie dachte an die immer gehütete und dann verbrannte Aussteuer. Sie konnte den Linnenschrank der Aussteuer nicht vergessen, aber sie wagte dem Vater nicht zu widersprechen: der Vater war Portier in der Vereinsbank, ein angesehener Mann. Das Fräulein suchte nach den Socken und der Glühwürmchen-Musik etwas Heiterkeit. Das Fräulein wollte leben. Es wollte sein eigenes Leben. Es wollte nicht das Leben der Eltern wiederholen. Das Leben der Eltern war nicht nachahmenswert. Die Eltern waren gescheitert. Sie waren arm. Sie waren unheiter, unglücklich, vergrämt. Sie saßen vergrämt in einer grämlichen Stube bei grämlich munterer Musik. Das Fräulein wollte ein anderes Leben, eine andere Freude, wenn es sein sollte, einen anderen Schmerz. (S. 197f.)

Das Bräuhaus, bierselig und dampfig, erfüllt von den Klängen des Badenweiler Marsches, dem „Lieblingsmarsch des toten Führers“ (S. 199), erscheint in wenigen Sätzen als Schreckensort: „Es war nur eine Gaudi!“ (S. 200). Giftig brodelt die Gerüchteküche; Verbrüderung und Haß liegen eng beieinander. Der europäische Geist weht nicht und die Weltenformel bleibt ebenfalls unentdeckt. Dafür fliegen Steine. Und die Nacht der Liebe sinkt hernieder, in vielfältiger Gestalt.

Insgesamt ein trostloses Buch, hellsichtig und am Ende doch nur eine Momentaufnahme.  »Bonn ist nicht Weimar«, betitelte Fritz René Allemann im Jahre 1956 sein Buch. Koeppen scheint grimmig zu nicken und zu entgegnen: „Stimmt, es ist noch schlimmer. Damals wußte man ja noch nicht, was geschehen würde.“

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4 Antworten zu Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Nun ja, Hans Werner Richter war aber auch ein geschwätziger, gehässiger Mauler 🙂
    Trostlos, hellsichtig, fein ironisch – so habe ich die Koeppen-Bücher in Erinnerung. Aber wirklich nur eine Momentaufnahme? Ich muss sie mal wieder lesen.

  2. nweiss2013 schreibt:

    Ich finde schon. Das Land hat sich in den Jahrzehnten danach ja verändert.

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