Mazower, Hitlers Imperium

Mark Mazower, Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, 2008, dt. 2009, 556 Seiten plus 110 Seiten Apparat.

Das Buch lag schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher, als ich 2013 mit den Notizheften begann. Ende 2016 war es nun endlich an der Zeit, Mazowers umfangreiche Untersuchung zur Hand zu nehmen und im Rahmen meines Leseprojekts „Nationalsozialismus“ damit anzufangen. Ein solches Buch liest sich aber nicht an einem Stück; jedenfalls ich brauche da immer wieder Zeit, um Abstand zu gewinnen.

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Hitlers Imperium (Konzentrationslager Auschwitz: Ausstellung) Foto: nw2016

Angesichts der kriegerischen Eroberung Europas, vor allem aber eingedenk von Besatzungsherrschaft, kolonialer Ausbeutung und menschenverachtender Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung ist es immer eine besondere Erfahrung für mich, in die Nachbarländer zu reisen. Ob beruflich oder privat, als Enkel und Großneffe einer Reihe von Wehrmachtssoldaten betrete ich Frankreich, Belgien und Holland, vor allem aber Polen, Weißrußland und Rußland stets mit einer gewissen Zaghaftigkeit. Es hat mich stark berührt, am 22. Juni 2016, 75 Jahre nach dem Start des „Unternehmens Barbarossa“, einen Vortrag an der Universität in der weißrussischen Hauptstadt Minsk halten zu können.

Mazower  schildert, wie grausam unmenschlich das Geschehen hinter der Front, innerhalb dieses recht plötzlich entstandenen Imperiums war, wie geplündert, geraubt, getötet und oft chaotisch geherrscht wurde.

Manche Details treiben mir die Tränen in die Augen und beim Lesen bin ich oft fassungslos und schäme mich. Ich weiß nur wenig, was die sechs Männer meiner Großelterngeneration an der Front gemacht haben. Zwei sind nicht zurückgekommen, einer fiel in Frankreich, der Vater meiner Mutter – blutjung – wurde bei Stalingrad vermißt. Der Vater meines Vaters bediente auf Borkum eine Flak; ihm erging es im Ergebnis wohl am besten. Die anderen drei sprachen nie über den Krieg und starben kurz nach meiner Konfirmation – als ich mich zu interessieren begann, lebte keiner mehr, und die Frauen sprachen, wenn überhaupt, nur über die Besatzungszeit. Wie ich heute weiß, war eine von ihnen vergewaltigt worden, eine andere durch das Eingreifen der Military Police in letzter Minute gerettet worden.

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Coverfoto: Verlag

Eines der Hauptprobleme, das sich bei der Herrschaft über die riesigen Gebiete abzeichnete, war der Umstand, daß nicht genug „arische Deutsche“ zur Verfügung standen – und oft auch gar nicht irgendwo im als angeblicher Lebensraum unentbehrlich beschworenen „slawischen Osten“ leben wollten. Ein ethnisch gemischtes Imperium war in der Ideologie aber nicht vorgesehen. Dieses Dilemma mußte freilich in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht gelöst werden. Die enthemmte Gewalt- und Vernichtungslösung, die in den besetzten Gebieten praktiziert wurde, erfaßte immer mehr Zivilisten, vor allem Juden. Das Kapitel über den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion (S. 133-169) bietet eine Chronik des Schreckens.

Die Germanisierungspolitik in den besetzten Ländern schwankte zwischen Absurdität und brutaler Gewalt; beides resultierte daraus, daß sich die rassetheoretischen Vorstellungen in der Realität nicht verwirklichen ließen. Mazower belegt diese These mit vielen Beispielen. Die neueren Forschungen von Johann Chapoutot bestätigen ihn.

Den zweiten Hauptteil des Buches machen Überlegungen über die „neue Ordnung“ aus, die die Nationalsozialisten für Europa und die Welt anstrebten. Inhaltlich finde ich diesen Teil der Untersuchungen interessanter, werden hier doch geopolitische, wirtschaftspolitische und strukturelle Diskussionen der Zeit dargestellt und analysiert, mit denen auf die Erfahrungen und Ergebnisse des Ersten Weltkrieges reagier wird und die – in ihrem Scheitern – die Nachkriegsordnung von 1945 begründet haben, die heute ihrerseits unter hohem Rechtfertigungsdruck steht.

Mazower zeigt Fehleinschätzungen der NS-Führung auf, die sich verändernde Rahmenbedingungen nicht erkannten (stärkeres Engagement der USA in der Weltpolitik) und blind für Bedürfnisse und Interessen der Nachbarstaaten waren. Das hegemoniale Europakonzept der Nazis war und blieb schwach. Es lebte letztlich vom Krieg und wäre im Frieden zum Scheitern verurteilt gewesen.

Nach dem Erscheinen von Mazowers Buch nahm Götz Aly in der Welt äußerst kritisch Stellung, warf ihm etwas mißgünstig vor, seiner Untersuchung fehle der systematische Zugriff und es gebe zu wenig analytische Schlüsse:

Auch am Schluss landet Mark Mazower sehr fülliges Historienhopping in hübsch aufgeschriebenen Geschichtchen und Schnappschüssen aus der ihm letztlich – man möchte sagen: sympathischerweise – unverständlichen Welt des Bösen.

Weitere, positive Stellungnahmen zu Mazowers Studie gab es etwa von Thomas Speckmann in der NZZ und von Herfried Münkler in der ZEIT.

Die Lektüre ist – auch heute noch – lehrreich, die Erkenntnisse Mazowers werden durch die Auswertung von Primärquellen und Analyse von Sekundärliteratur gewonnen und nach meiner Ansicht nachvollziehbar begründet.

 

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4 Antworten zu Mazower, Hitlers Imperium

  1. nweiss2013 schreibt:

    Hat dies auf notizhefte rebloggt.

  2. Andreas Moser schreibt:

    Ich hatte auch immer diese Beklommenheit bei Reisen in von den Nazis besetzten oder beim Durchzug verwüsteten oder aus der Luft zerbombten Gebieten, was in Europa fast überall ist.

    Mittlerweile schockieren mich aber mehr und öfter die vor allem in Osteuropa anzufindende Verharmlosungen der NS-Besatzung wie zB in dem Kommentar zu diesem Beitrag: https://andreas-moser.blog/2012/10/25/wehrmacht-in-hiiumaa/ oder sogar in Museen wie in Litauen: https://andreas-moser.blog/2015/02/21/grutas-park/

  3. Andreas Moser schreibt:

    Was hast Du für einen Vortrag in Minsk gehalten?

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