Gespräche mit Siegfried Lenz

Cover: Verlagswebseite

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Am Abend zuvor hatte ich das Buch in der schönen Autorenbuchhandlung erstanden, gleichsam als Beifang zu einem Buchgeschenk, das ich dort besorgte.

Auf 493 plus 20 Seiten finden sich die erwähnten 22 Gespräche mit 21 Männern und einer Frau, bei der es sich um Loki Schmidt handelt. Marcel Reich-Ranicki eröffnet den illustren Reigen und er befragt den Schriftsteller drängend zum unerwarteten Erfolg des Romans »Deutschstunde« und zur Literaturkritik.

MRR: Hat sich Ihrer Ansicht nach die deutsche Literaturkritik in den letzten zehn Jahren geändert?

Lenz: Literaturkritik ist zunächst nicht Bestimmtes – oder schon zu viel. Denke ich bei diesem unschuldigen Sammelbegriff an Jens, Kaiser oder Sie, dann habe ich schon Karasek und Baumgart mitgemeint. Sprechen wir also nicht von Literaturkritik, sondern von einzelnen Kritikern. Soweit diese schon vor zehn Jahren schrieben, haben sie sich, wie mir meine Lektüre bestätigt, wenig geändert, zumindest hat niemand sein kritisches Besteck komplett ausgetauscht. (S. 18f.)

Fast vierzig Druckseiten umfasst das Gespräch mit Martin Durzak, das in dessen Sammelband »Gespräch über den Roman« (1976) erschien. Da war Lenz 50 Jahre alt geworden, konnte auf ein breites Œuvre zurückblicken und stellte sich den Fragen Durzaks nach der Romanstruktur und Erzählperspektive der »Deutschstunde« und von »Das Vorbild«. Dieser vermutete u.a. recht hartnäckig eine Metastruktur und einen Gesamtplan, den Lenz jedoch ebenso hartnäckig verneinte, beklagte die fehlende Aktualität eines wesentlichen Details im »Vorbild« oder den vorgeblich unpolitischen Ansatz der »Deutschstunde«. Lenz argumentiert geduldig und nachsichtig.

Das ist eine Beschädigung durch den Zeitgeist, ein fortgesetztes, dauerhaftes Leiden durch den Zeitgeist, etwas, was sich nicht heilen lassen wird. Hier hat Politik zu einem Leiden geführt, das nie mehr heilbar sein wird. Das wollte ich an Siggi Jepsen zeigen, nämlich die fortgesetzte Angst, dass sich das wiederholen könnte. (S. 71)

Lenz will Gleichgesinnte für die von ihm formulierte Ansicht über einen Teil der Wirklichkeit werben, erklärt er im Gespräch mit Ekkehard Rudolph, ebenfalls für einen Sammelband (1977):

Wofür ich aber immer wieder plädiert habe in allen Büchern, das ist der Kompromiss; das ist das trübe, das mühsame Leben mit den großen Niederlagen und den winzigen Erfolgen. (S. 86f.)

 Zum Schreiben sagt er:

Jedem literarischen Prozess geht eine Konstruktion voraus. Wer der baren Inspiration vertraut, dem sogenannten Musenkuss, der ist als Schriftsteller verloren. Auf die Konstruktion kann man nicht verzichten. Sie vergessen zu machen, das ist das Problem. (S. 91)

 Lenz äußert sich zu seinem Engagement für die SPD, zur Studentenrevolution, zum Terrorismus der RAF, zu seiner Heimat Masuren (da schreibt er am Roman »Heimatmuseum«, bzw. ist dieser Band gerade erschienen) und seinem Heimatbegriff. Außerdem geht es um die Organisation des Schreibprozesses und um Arbeitsschritte.

Das Personal denke ich mir prinzipiell aus. Ich greife niemals auf erlebte Vorbilder zurück. (S. 116)

Immer wieder spielt in den Gesprächen mit dem Autor Lenz auch der Umgang mit Literaturkritik eine Rolle, die Lesungen und der Umgang mit dem Publikum.

Es folgen fünf Gespräche, die Lenz zwischen 1979 und 1982 für den Hessischen Rundfunk (Radio) mit anderen Schriftstellern geführt hat: Manès Sperber, Pavel Kohout, Günter Grass, Walter Kempowski und Heinrich Böll – mit den vier letztgenannten »Über Phantasie«, mit Sperber über »Handeln – für ein unerreichbares Ziel«.

Sperber, 1905 als galizischer Jude und Untertan Kaiser Franz Josephs geboren, kam über Wien nach Berlin, „durfte“ als Österreicher 1933 an Hitlers Geburtstag das Reich verlassen und kam auf Umwegen nach Paris. 1937 brach Sperber mit dem Kommunismus. Zwischen 1949 und 1955 erschien seine Romantrilogie »Wie eine Träne im Ozean«. In den 1970er Jahren legte Sperber eine Reihe von weiteren Veröffentlichungen vor und wurde damit einem breiteren Publikum bekannt.

 Es geht in diesem Gespräch um das Leben und das Schreiben, um Brüche, Anfänge, die Bedeutung des Messianismus für die Lebenseinstellung, um Revolution, um Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen. Sie sprechen über klassenlosen und herrschaftslosen Sozialismus, über Kibbuzim, über lesende Revolutionäre.

Die Lektüre ist eine Erweiterung der eigenen Erfahrung, der eigenen Erlebnisse, man parasitiert sozusagen an fremden Erlebnissen, indem man einen Roman liest, aber auch umgekehrt: man setzt sich damit auseinander. Dann lernt man etwas für das Tun und Nichtstun, für das Erleben und Nichterleben. (S. 146)

Die meisten Menschen, die ein Gewissen haben und eine Verantwortlichkeit fühlen, wissen, dass die Dinge geändert werden müssen. (S. 148)

 Die vier folgenden Gespräche über Phantasie sind vor allem im Vergleich interessant. Näheres dazu gibt es hier.

Raddatz befrage ihn 1982 über Realismus, Hemingway und sein Verständnis von Geschichte und darüber, wie er als Schriftsteller damit umgeht. FJR  fragt nach der Wirkung von Literatur, nach den Reaktionen auf Lenz‘ Veröffentlichungen, seine Einschätzung von Kritiken.

Ich glaube an die Zukunft des Buches auch im Zeitalter des Fernsehens. (S. 355)

So erklärt es Lenz im Jahr 1994, auch wenn ihm bewußt ist, daß nur eine Minderheit liest; diese Leser seien aber Teil des mehraktigen Prozesses, der Literatur schafft.

Es folgen fünf Gespräche in den sogenannten Nullerjahren, dann noch einmal drei bis zum Tode im Jahr 2014; 2008 mit Loki Schmidt (bei Reinhold Beckmann), 2013 mit Helmut Schmidt (moderiert von Jörg Magenau). Beide Male geht es um die seit Anfang der 1960er Jahre bestehende Freundschaft, wobei Helmut Schmidt – nicht überraschend – recht viel über sich selbst spricht.

Das Buch präsentiert Lenz als unprätentiösen Menschen, geduldig antwortend und interessiert nachfragend. Es erlaubt einen Blick in die deutsche Nachkriegsgeschichte und gibt leise Hinweise auf Wandelungsprozesse.

Eine lohnende Lektüre!

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